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Rezension: Belletristik : Gedankenprosa für Emily

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Die Zeile "Wär ich ein Seeheld" stammt aus dem Gedicht "Colon" und gibt Klaus Reicherts klugem, schön gestaltetem Gedichtband den Titel. Reichert schränkt den Anspruch seiner Gedichte ein. Was sie nicht sind, erfährt man im Konjunktiv: "Wär ich ein Seeheld, es ginge / über die Punkte hinweg, / die Kommaschläge, die Sprachen / und über die murrende Mannschaft.

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          Die Zeile "Wär ich ein Seeheld" stammt aus dem Gedicht "Colon" und gibt Klaus Reicherts klugem, schön gestaltetem Gedichtband den Titel. Reichert schränkt den Anspruch seiner Gedichte ein. Was sie nicht sind, erfährt man im Konjunktiv: "Wär ich ein Seeheld, es ginge / über die Punkte hinweg, / die Kommaschläge, die Sprachen / und über die murrende Mannschaft. / Der Atem zählt anders." Er wünscht sich den Mut, eine eigene Sprache zu schaffen und die Welt umzubestimmen. "Wär ich ein Seeheld, die Welt / wär woanders." Die Gedanken, die ihn auf die See führen könnten, hat er schon. Doch lieber behilft er sich mit den Sprachen, die er kennt, wägt sie genau und fragt: Welcher alte, heute vergessene Sinn nützt mir? "Seeheld" sagte man im Deutschen allenfalls bis ins neunzehnte Jahrhundert. Oder Reichert sucht den wörtlichen Doppelsinn, den er listig gegen seine Sprache führen kann. Daher nutzt er die zwei Bedeutungen von "Colon": die Spracheinheit in der Prosodie und auch den längsten Teil des Dickdarms, den Grimmdarm. Aus den Atemstößen des Sprachbauchs könnte wunschträumend die neue Welt entstehen: "Dann / kurze Stöße, / gepreßt, / aus dem Bauch, / aus dem Grimmdarm, / vom Horizont her - / Land, vielleicht Inseln, / der angehaltene Atem. / Pause. Übergang." Aber er ist eben kein Seeheld, der seinem freien Sprachatem folgte.

          Reichert macht sich nichts vor. Er schreibt seine Gedichte "im Namen der Prose", denn ihm kommt alles auf den klaren, durchaus nicht einsinnigen Gedanken an, den er mit den ästhetischen Mitteln der Prosa schärft: mit seiner rhythmische Rede, einer Syntax, die den Zeilensprung regiert, oder Wortnetzen, die er über die Gedichte spannt. Das Gedankenfutter entstammt vornehmlich der Literatur- und Kunstgeschichte. Seine Gedichte widmen sich Künstlern und Werken: Shakespeare, Emily Dickinson, René Char, Orpheus, Friederike Mayröcker und Virginia Woolf, ebenso Tintoretto, Degas, Vermeer, Liebermann oder Herder und immer wieder Begebenheiten aus der Bibel. Dabei sagen die Gedichte oft nicht ausdrücklich, wovon sie sprechen, und schützen durch diesen Trick ihren Gegenstand oder das, was sie daraus gemacht haben, vor dem gängigen Urteil.

          Indem Reichert den Blick auf die Traditionen richtet und ihnen im schönen Gedanken Gestalt gibt, setzt er sich dem Wettbewerb mit sich selbst aus: dem Wettbewerb zwischen dem Dichter und Übersetzer Reichert auf der einen Seite und dem Anglistik-Professor in Frankfurt am Main auf der anderen, einem Wettbewerb, der in den deutschen Akademien der schönen Künste seine Institution gefunden hat, wo seit fünfzig Jahren auch Gelehrte Platz nehmen dürfen: in der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung etwa, deren Präsident Klaus Reichert nun geworden ist.

          Der Wettbewerb steht seit Wilhelm von Humboldt im Zeichen von "Bildung", der man zutraute, historisches Wissen ästhetisch auf den Punkt zu bringen. Über das, was man "wußte" und wissen wollte, entschied daher die Ästhetik, die man wählte. Lange verwechselte man die Erkenntnislehre, die das Bildungsdenken motiviert, mit ihrer ersten Auslegung durch Goethe, der seine Naturtheologie des klassischen Maßes überall ins Werk setzte. Doch um eine Bildung von Identität, die sich nach Gesetz einstellt, kümmert sich Reichert nicht. Er setzt jeden Einfall als einen "Widerstand gegen das Vorgedachte" ein, überläßt sich der ungebärdigen Reflexion und gibt sich mit kleinen Einsichten zufrieden.

          Reichert kämpft daher an mehreren Fronten. Seine Poetik einer Gedankenprosa wendet sich gegen eine Wissenschaft, die das "Wissen" schlicht aggregiert, ohne einen Gedanken darauf zu verschwenden. Sie entzieht sich auch der Hybris der klassischen Moderne, im Gedicht die zerschlissene Kultur neu und monumental zu evozieren. Reicherts Gedichte suchen vielmehr das schon einmal Gedachte freizulegen und seiner Nachwirkung zu entziehen. Von außerhalb der Sprache geschrieben, erliegen sie nicht der anderen Versuchung eines Bildungsganzen. Sie wollen, wie die Philologen nach August Boeckh, "das Erkannte erkennen".

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