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Rezension: Belletristik : Geboren im Sternzeichen des Krokodils

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Daß Toleranz eine subtile Form der Niedertracht sein kann, wissen wir von Schopenhauer. Wer alles gelten läßt, verhindert, daß das Gute zu seinem Recht kommt, das in der Auszeichnung besteht. Das Bestehen auf Kritik ist weniger aufklärerisches als vielmehr romantisches Erbe. Die nicht selten rechthaberisch sich ...

          Daß Toleranz eine subtile Form der Niedertracht sein kann, wissen wir von Schopenhauer. Wer alles gelten läßt, verhindert, daß das Gute zu seinem Recht kommt, das in der Auszeichnung besteht. Das Bestehen auf Kritik ist weniger aufklärerisches als vielmehr romantisches Erbe. Die nicht selten rechthaberisch sich äußernde Unfähigkeit, mit dem eigenen Leben zurechtzukommen, mag einen Widerwillen gegen das Ganze nicht verbergen - Grundgestus einer Epoche, die wir romantisch nennen. Was in seiner harmlosen Variante in Eichendorffs "Taugenichts" Sinnbild für träge Versponnenheit wurde, hatte vorher im Josef Berglinger von Wackenroder/Tieck und im "Anton Reiser" des Karl Philipp Moritz solche Dimensionen angenommen, daß man den Herren eine ungünstige Sozialprognose hätte stellen müssen, wenn es die damals schon gegeben hätte.

          Dem Ich-Erzähler in Wolfgang Herrndorfs Romandebüt würde sie sicherlich gestellt werden, gäbe es hier einen Psychiater oder Sozialarbeiter, an den dieser sich wenden könnte. Aber er muß seine nächtlichen Odysseen allein absolvieren, betrunken und auch sonst ohne Orientierung. Die wenigen Freunde, die er hat, und die vielen Frauenbekanntschaften, die er schließt, lassen nur eine Gewißheit in ihm reifen: daß er unverstanden ist und auch seinerseits die Welt nicht recht versteht.

          "In Plüschgewittern" ist die lakonisch erzählte Geschichte eines Dreißigjährigen, der statt Arbeit ein feines Gespür hat für die Peinlichkeiten, die das Leben in Form von Kindheitserinnerungen, Diskobekanntschaften und Familienbesuchen für jeden halbwegs sensiblen Menschen bereithält. Ihm, dessen Kardinaltugend der Nonkonformismus ist und dessen Passion die Gedankenflucht, kann es niemand recht machen, am allerwenigsten die schwangere Freundin seines Bruders: "Marit ist unglaublich beschränkt, und das offenbart sich am deutlichsten in ihrer Weltoffenheit, in ihrer absurden Toleranz . . . Sie ist einfach nicht ganz dicht." Eine schöne Pointe, die zu Anfang der neunziger Jahre in Münsteraner Universitätskreisen durch ein Plakat zum geflügelten Wort wurde, das für eine Diskussionsveranstaltung zum Thema Toleranz warb: Nach allen Seiten offen - kann man da noch ganz dicht sein? An der Tochter eines evangelischen Pfarrers, wie Marit eine ist, erprobt der Held aber genauso nutzlos sein polemisches Talent, wie er sich nur zu seinem eigenen Schaden in einem Berliner Szenelokal über frech gekleidete, biedere Tübinger Studentinnen lustig macht: Was bist du für ein Sternzeichen? Krokodil. Diese Episode gehört zu den bittersten eines auch sonst nicht immer nur amüsanten Romans und offenbart eine durch dauerndes Trinken beförderte Haltlosigkeit, die ihrem Träger zuletzt aufgeht.

          Wolfgang Herrndorf, der unter anderem für die "Titanic" arbeitet, hat einen Helden geschaffen, dessen Widerspruchsgeist diesem satirischen, aufklärerischen Milieu entwachsen ist. Doch was hilft es diesem Renitenten, daß er über verblüffend richtige Ansichten verfügt, wenn er damit keinen Anschluß findet? Der Berlin-Roman, den der Verlag modisch annonciert, ist in Wirklichkeit ein Stahlgewitter der Einsamkeit, dem sich dieser verzweifelte Romantiker aussetzt, weil es Seinesgleichen nicht gibt. Seine Brüder im Geiste stammen freilich alle aus dem zwanzigsten Jahrhundert und hören auf Namen wie Holden Caulfield oder Travis Bickle. "Aber aus irgendwelchen Gründen machen Erklärungen mich unglücklich" - der Wunsch nach wortlosem Einverständnis ist mit dem Ekel vor allem Geschwätz plausibel motiviert und bleibt doch unerfüllt. Daß in diesem sympathischen, skeptischen Buch am Ende die Familienidylle des Bruders als das richtige Leben im falschen aufscheint, ist eine Pointe, die jedem Leser zu denken gibt, der sich dem haltlosen Helden verbunden fühlt.

          Wolfgang Herrndorf: "In Plüschgewittern". Roman. Gerd Haffmanns Verlag bei Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2002. 220 S., geb., 16,90 [Euro].

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