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Rezension: Belletristik : Geblümte Unterhosen baumeln an Wäscheleinen

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Joyce Carol Oates treibt den Eissplitter mitten ins Herz der Blonden / Von Elke Schmitter

          5 Min.

          Die Toten sterben nicht mehr. Obwohl schätzungsweise erstmals in der Geschichte der Menschen die Zahl der Lebenden die der Toten übertrifft, sind wir umgeben von ehemals Lebenden, deren Wirksamkeit über ihr Sterbedatum beträchtlich hinausgeht. Ein erhebliches Teil an dieser Tatsache verdanken wir den technischen Errungenschaften seit dem neunzehnten Jahrhundert: Fotografie und Tondokumentation erhalten Familienmitglieder und Berühmtheiten aller Art in Aussehen und Stimme präsent. Gerade die Täuschung des Echten, nicht mehr Interpretationsbedürftigen bringt die Erinnerung in Schwierigkeiten und erfordert immer neue Interpretationen, so daß die Zeitgeschichte - wie zuletzt bei der Wehrmachtsausstellung - gerade durch die Fülle scheinbar objektiven Materials in ungeahnte Schwierigkeiten kommt. Vielleicht ist auch daraus unsere anhaltende Neigung zum Historismus erklärbar, die permanente Vergewisserung der Gesellschaft über die Bestände des Vergangenen.

          Sicher jedoch hat der Film, vor allem die Filmindustrie, mit größter Macht dazu beigetragen, daß wir umgeben sind von Personen, die über die Grenzen ihrer irdischen Existenz hinaus unseren Alltag bewohnen: Zum ersten Mal in der Historie bleiben die Toten nicht durch ihr Werk in unserer Erinnerung, durch hinterlassene Dokumente, durch Berichte anderer oder Bruchstücke ihres Seins - wie einzelne Fotos, Redenmitschnitte und dergleichen. Sondern Gang und Stimme, Aussehen und Habitus, schließlich sogar etwas so schwer Bestimmbares wie Ausstrahlung werden durch immer neue Präsentationen des Immergleichen frisch gehalten: Nachleben in Aspik.

          Zum Beispiel Marilyn Monroe. Als sie starb, war ich noch kein Jahr alt, und trotzdem gehört sie nicht nur unzweifelhaft zum Personeninventar meiner Welt: Es gibt auch keinen Anlaß, daran zu zweifeln, daß sie mich wie alle Zeitgenossen bis zu unserem Lebensende unverändert begleiten wird. Ihre kieksig-hauchende Stimme, die Frau mit den gespreizten Beinen auf dem Luftschacht, die Komödiantin aus "Blondinen bevorzugt", die letzten Fotos ihres nackten Körpers hinter Chiffon - all das wird, wie das Platinblond ihres Haars, ihre unglückliche Kindheit, ihre Affäre mit dem Präsidenten und eine endlose Kette weiterer Details, immer so bleiben, wie es war.

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