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Rezension: Belletristik : Ganz der Alte

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Schon vor hundert Jahren hat man den "Stechlin" als eine Art Staatsvermächtnis gelesen, als ein politisches Zeitgemälde in der Form des Konversationsromans. Nimmt sich der Leser im Winter des Jahres 2001 den Roman aus Anlaß der vorzüglichen Neuedition im Rahmen der Brandenburger Ausgabe vor, so erwartet ihn bereits in der feierlichen Einleitung ein frappantes Vorzeichen des Kommenden.

          Schon vor hundert Jahren hat man den "Stechlin" als eine Art Staatsvermächtnis gelesen, als ein politisches Zeitgemälde in der Form des Konversationsromans. Nimmt sich der Leser im Winter des Jahres 2001 den Roman aus Anlaß der vorzüglichen Neuedition im Rahmen der Brandenburger Ausgabe vor, so erwartet ihn bereits in der feierlichen Einleitung ein frappantes Vorzeichen des Kommenden. Überraschend kehrt der junge Stechlin zu einem Besuch auf dem Stammsitz im Norden der Grafschaft Ruppin ein und mit ihm die neue Zeit. Da läßt der alte Herr die Fensterflügel in den herbstlich leuchtenden Park öffnen, was bei seiner Empfindlichkeit gegen Zugluft gegen alle Gewohnheit verstößt. "Heute aber war dritter Oktober und ein wundervoller Herbsttag dazu." Mit der nationalen Einführung des "Stechlintags", so schwant uns, könnte auch die Wiederkehr Preußens gelingen.

          Mehr als andere späte Früchte der Romankunst Fontanes erwies sich dieses als Werk des rechten Zeitpunktes, den allein der Zufall oder das Leben selbst bestimmt. In der fliegenden Eile weniger Wochen hatte der Fünfundsiebzigjährige den Entwurf niedergeschrieben, dann über Jahre penibel daran gefeilt und verbessert. Schwer hatte "Fontanes Spätling" (Thomas Mann) an der Bürde zu tragen, daß dem Erscheinen der Buchausgabe vom Oktober 1898 das Ableben des Verfassers um wenige Wochen vorausging. Es bedurfte keiner sonderlich subtilen Interpretationskunst, in dem Porträt des märkischen Schloßherrn Dubslav von Stechlin, der am Ende des Romans ebenfalls das Zeitliche segnet, Züge seines Schöpfers zu erkennen. Als standhafter Konservativer tritt er uns entgegen, "aber von der milden Observanz", voller Güte und tapferer Lebenslust.

          Warmherziger als jeder Liberale spricht der alte Stechlin vom Fortschritt und von der neuen Zeit. Mit den einfachen Landarbeitern und dem Gesinde steht er auf so vertrautem Fuße, daß ihn der vom fernen Berlin aus agitierende Abgeordnete der Sozialdemokraten darum beneiden müßte, wenn er sich überhaupt einmal blicken ließe. So sind denn, je nach Gusto, höchst unterschiedliche Tendenzen aus dem Roman herausgelesen worden, und alle konnten in diesem vielstimmigen Werk prägnante Zitate und geflügelte Wendungen für sich verbuchen. "Lieber mit dem Alten, soweit es irgend geht", pflegt etwa Dorfpastor Lorenzen zu sagen, "und mit dem Neuen nur, soweit es irgend muß." Was immer das bedeuten mag, es kommt dem stillen Konsens der Fontane-Gemeinde recht nahe - nicht als Meinung, sondern im Tonfall.

          Selbst wer ihnen bei der Lektüre zum ersten Mal begegnet, glaubt diese typischen Sentenzen schon einmal gehört zu haben. Doch geben sie keine Bekenntnisse ihres Autors, sondern den stets ein bißchen überdrehten Konversationston der Zeit wieder. Vorlaut und überdeutlich vernimmt man den Leitartikel-Jargon in der Warnung des Neureichen, der bei jedweder mißliebigen Zeiterscheinung anmerken muß, dies oder jenes sei "Wasser auf die Mühlen der Sozialdemokraten". Ob dieses Wortes werden wir den aufstrebenden Holzfabrikanten Gundermann ("die Berliner Dielen sind fast alle von uns") nie vergessen. Fontane begnügt sich nicht damit, ihn diese Wendung gebetsmühlenhaft wiederholen zu lassen, er weist den Parvenü selbst als mehrfachen Mühlenbesitzer aus. Man mag derlei Karikaturen im realistischen Erzählwerk ungehörig oder abgeschmackt finden. Aber folgen sie nicht akkurat dem Vorschlag aus Büchners "Danton"-Drama, den Phrasen bis zu jenem Punkte nachzugehen, wo ihre Sprecher sie verkörpern?

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