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Rezension: Belletristik : Freund Luft

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Die dunklen Verse des Wallace Stevens Von Ernst-Jürgen Dreyer

          Wallace Stevens ist der wohl Stillste im Land der amerikanischen Poesie. Anders als Ezra Pound hat er nie öffentlichen Lärm erregt; ja, er hat, abgesehen von zwei Kuba-Reisen, nie auch nur die Vereinigten Staaten verlassen. Seine Laufbahn war bürgerlich: In einer Versicherungsanstalt in Hartford, Connecticut, stieg er vom Anwalt zum Vizepräsidenten auf; ein Amt, das er bis zu seinem Tod 1955 innehatte. Daß der beleibte Herr mit dem holländischen Bauerngesicht Poet war, dürfte Geschäftspartnern verborgen geblieben sein. So lebte Stevens das perfekte Doppelleben, das wir von Gottfried Benn kennen. Man denkt an Benns Buddha-Gesicht hinter dem Bierglas, wenn Stevens den Dichter als den "Einsiedler" definiert, "der allein mit Sonne und Mond lebt, aber darauf besteht, daß er seine lausige Zeitung kriegt".

          Bald nach Stevens' Tod begannen sich deutsche Übersetzer mit seiner Lyrik zu befassen. Zu ersten Proben von Herta Elisabeth und Walther Killy, 1959, gesellten sich Übertragungen von Eva Hesse, Hans Magnus Enzensberger, Alfred Margul-Sperber, Friedhelm Kemp und anderen. So trifft "Der Mann mit der blauen Gitarre" auf kein unvorbereitetes Publikum. Namentlich wer die Auswahl "Der Planet auf dem Tisch" kennt, die 1961 und (überarbeitet) 1983 erschien, der hat bereits ein gewisses Bild, besonders dank des einfühlsamen Nachwortes, das der Übersetzer Kurt Heinrich Hansen verfaßt hat. Es zeichnet das Bild eines Dichters, dem die physische Welt alles, ein Ideen-Jenseits oder ein Sich-Verlieren an die Erinnerung jedoch nichts gilt.

          Aber das Diesseits ist ihm nicht als rein Faktisches etwas wert, sondern als plötzlich sprechend, wie von innen heraus sich beseelend in der Glücksminute einer jäh umfassenden Ordnung. Es ist, mit Benn zu reden, die Erlösung der Welt in die Ausdruckswelt, in welcher sich das Chaos auf einmal schlichtet; und da es der Mensch ist, durch den hindurch sich das Chaos zum Ausdruck "aufstemmt", ist - auch für Stevens - der Mensch Krone der Schöpfung. Der Mensch freilich als Künstler - wie jenes Mädchen, das in "The Idea of Order at Key West" an der Meeresküste sein eigenes Lied aus sich hervorströmt.

          Zwischen "Ideas of Order", 1936, und "The Man with the Blue Guitar", 1937, liegt Stevens' radikaler Stilwandel zum Modernen, als welcher der Dichter geschätzt wird. Schon die Proben in Hansens Auswahl provozierten die Frage, ob solcher Umbruch nicht halb auch zu beklagen ist. Bei der Härtung ist der Schmelz auf der Strecke geblieben. Wie soll sich je zum Gedicht runden, was - bei Hansen - so beginnt: "Ist dieses Bild von Picasso, diese "Anhäufung/Von Zerstörtem', ein Bild unserer selbst,/Ein Bild, vielleicht, unserer Gesellschaft?" Weder Karin Graf noch Enzensberger können der rhetorischen Frage mehr Poesie abgewinnen. Es ist die Frage eines Dozenten - Zauberwort, bei dem die Welt anhebt zu klingen, ist es nicht.

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