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Rezension: Belletristik : Freund Luft

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Die Lektüre des ganzen Zyklus, begleitet von Interlinear- und poetischer Eindeutschung, läßt nun den "Mann mit der blauen Gitarre" als ein widersprüchliches Gebilde erkennen: den Versuch eines Diskurses mit nicht-diskursiven Mitteln. Die "blue guitar" eines Bildes aus Picassos blauer Periode steht als Zentralmetapher des dreiunddreißigteiligen Lehrgedichts für die Ausdruckswelt, die Imagination, das Poem. Tastend, auf labyrinthischer Bahn und in stammelnder Ausdrucksnot führt uns der Dichter einem Zentrum entgegen, das er mehr verhüllt als offenbart; und man muß hier - mit dem Stevens-Forscher Klaus Martens zu reden - schon eine gewisse "Frustrationstoleranz" aufbringen. Zumal der Oberflächenreiz von Stevens' Versen gering ist: Die Gedankenfracht behindert die Kristallisation zur Lyrik nicht minder als der Lyrismus die Verständlichkeit. Daß solch kryptische Poetik noch immer die "Ideas of Order" umkreist, wird aus den Briefkommentaren deutlich, die Karin Graf ihrer Rohübersetzung beigibt: "Ich will als Dichter in der Natur das sein, was das Wesen der Natur ausmacht."

Diese Fußnoten hätte Enzensberger besser eingehend studiert, als (in Canto XX) zu übersetzen: "Was zählt im Leben jenseits der Ideen,/die gute Luft, der gute Freund, was sonst?" Mitnichten nämlich schickt Stevens seiner Frage eine Antwort, gar eine schnippische, hinterher. Er "spreche die Luft an und nenne sie Freund", kommentiert Stevens. Wenn schon fünf-statt vierhebig, dann also wohl eher so: "du gute Luft, mein guter Freund; was zählt?"

Ärger noch verfehlt Enzensberger den komplexen Begriff der "absence", den Stevens mit Paul Valéry gemein hat. Anwesenheit und Abwesenheit des Geistes in der Natur hängen gezeitenartig zusammen. Kehrt das "Gedicht" in die "Dichtung" zurück wie bei Ebbe das Wasser ins Meer, so kommt es zu einer "absence in reality,/Things as they are". Das heißt, dann bleiben die "Dinge, wie sie sind", übrig - unverklärt, aber gerade dadurch den Geist befähigend, sich wieder mit ihren wahren Erscheinungen (true appearances) aufzuladen und flutartig in die Welt zurückzuströmen. Das etwa will Canto XXII sagen. Enzensberger mißversteht die "absence in" als "absence of reality" und läßt diese mit dem Schwuppdiwupp eines Taschenspielertricks verschwinden: "Das was das ist,/ist nicht mehr da. So heißt es."

Nicht nur Verkehrungen des Sinns muß man Enzensbergers "poetischer Fassung" vorwerfen, unnötig sind auch seine Verfehlungen der Form. Was ist poetisch an einer Fassung, die "The flesh, the bone, the dirt, the stone" zu "Fleisch, Knochen, Dreck und Stein" verkürzt? Da kommt ja die Interlinearversion sowohl dem Wortlauf als auch dem Versmaß des Originals näher: "Das Fleisch, der Knochen, der Dreck, der Stein". Unschwer hätte Karin Graf hier noch den Binnenreim retten können: "Das Fleisch, das Bein, der Dreck, der Stein".

Dunkles, mehr philosophisch als poetisch lohnendes Kunstwerk, entstellend statt erhellend übersetzt und zusätzlich durch Druckfehler verdunkelt wie "grass" statt "glass". Immerhin: Die durchdachte Direktversion und der Selbstkommentar führen uns dem Werk näher und könnten zur Basis getreuerer Annäherungsbemühungen werden.

Wallace Stevens: "Der Mann mit der blauen Gitarre/The Man with the Blue Guitar". Zweisprachige Ausgabe. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Karin Graf und Hans Magnus Enzensberger. Verlag Schirmer/Mosel, München 1995. 107 S., br., 34,- DM.

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