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Rezension: Belletristik : Fragt den Hund, nicht mich!

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Inge Müller fühlte sich wohl die meiste Zeit unverstanden und einsam. "Die wenigen gelungenen Stellen / Aus meinen kaum gelungenen Gedichten / Wird man auswählen, / Um zu beweisen / Ich wäre euresgleichen. / Aber dem ist nicht so: / Denn ich bin / Meinesgleichen. / So werde ich auch im Tode / Mich zu wehren haben, / Und über meinen Tod hinaus / - wie lange wohl? - / Erklären müssen / Daß ich meinesgleichen war." Statt auf Auswahl setzt die Ausgabe von Sonja Hilzinger auf Vollständigkeit. Bis auf die Gemeinschaftsarbeiten, journalistischen Beiträge und die Texte für Kinder sollen hier alle Werke versammelt werden. Das ist eine schwierige Aufgabe angesichts der vertrackten Archivlage. Denn Inge Müllers Kriegskatastrophe spiegelt sich darin - so ein Bild Hilzingers im Nachwort - als "Verschüttung ihrer Autorschaft": Ihr Nachlaß war bis zum Jahre 2000 untrennbar mit dem Heiner Müllers verwoben. Die meist völlig ungeordneten Manuskripte des einen wurden auf freien Rückseiten vom anderen beschrieben, gegenseitige Ergänzungen und Korrekturen fließen bis zur Untrennbarkeit ineinander, Datierungen sind selten. Die Herausgeberin ordnet deshalb die knapp dreihundert Gedichte nicht chronologisch, sondern nach Sachgruppen, je nach der jeweiligen Perspektive der Sprecher und der Adressaten. Die autobiographischen Gedichte bilden dabei die größte Rubrik.

Auf die Lyrik, die nach wie vor Inge Müllers literarischen Rang begründet, folgt weitgehend unpublizierte Prosa. Im Zentrum stehen die um eine weibliche Jona-Figur arrangierten Fragmente, die mit Anspielung auf die biblische Geschichte von einem verschütteten Leben handeln. Obgleich sich handschriftliche Gliederungen finden, bleibt die Zuordnung von Nachlaßstücken zu dem Komplex problematisch. Die Herausgeberin hat achtzig Textteile in eine imaginäre Chronologie gebracht, die jedoch ein nachträgliches Konstrukt bleibt. Ein besonderer Reiz liegt in den autobiographischen Zügen und ihrer fiktiven Überformung. Von Einberufung und Flugabwehr, Kellern und Bunkern in den letzten Kriegstagen ist da viel die Rede. Gelegentlich wird es aber auch sehr konkret: Eine Frau drängt ihren Schwiegervater, den Ring seiner toten Frau durch Abtrennen des Fingers zu retten. Doch der alte Mann weigert sich, denn der Krieg ist aus. Viele dieser kurzen Erzählungen sind so pointiert, daß sie fast anekdotisch oder parabelhaft wirken, Brechts "Geschichten von Herrn Keuner" nicht unähnlich.

Zu den dramatischen Arbeiten gehören auch Bearbeitungen und Entwürfe, unter anderem zu einem Jona-Stück. Am interessantesten ist das Hörspiel "Die Weiberbrigade", das wie "Der Lohndrücker" zu den Baustellen und Arbeiterversammlungen aus der Aufbauphase des Sozialismus führt. An einer Einrichtung für die Bühne arbeitete Inge Müller bis zuletzt. Dabei fühlte sie sich zu Kompromissen genötigt, zu denen sie nicht mehr bereit war. Ihr Stil ist in allen drei Gattungen präzise, einfach, konkret, berichtend, immer an der Wirklichkeit orientiert. Inge Müller glaubte, dem doktrinären Denken ihrer Umwelt nur durch die letzte mögliche Freiheit entkommen zu können. Eine feministische Stilisierung zum Opfer männlicher Auslöschung ihrer Autorschaft hat sie aber sowenig wie Veza Canetti verdient. Die starken literarischen Qualitäten beider Autorinnen stimmen zuversichtlich, daß das Urteil eines möglichst großen, unbefangenen Publikums sie vor solchen Vereinnahmungen bewahren wird.

ALEXANDER KOSENINA

Ines Geipel: "Dann fiel auf einmal der Himmel um". Inge Müller. Die Biografie. Henschel Verlag, Berlin 2002. 256 S., geb., 19,90 [Euro].

Inge Müller: "Daß ich nicht ersticke am Leisesein". Gesammelte Texte. Herausgegeben von Sonja Hilzinger. Aufbau-Verlag, Berlin 2002. 660 S., geb., 29,90 [Euro].

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