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Rezension: Belletristik : Flugverbot im Garten Eden

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Aristokratie der schwärzesten Haut: Toni Morrisons neuer Roman erzählt vom Rassismus innerhalb einer schwarzen Gemeinschaft / Von Hubert Spiegel

          7 Min.

          Dieses Buch endet mit einem großen P und einem kleinen Fehler. Auf der letzten Seite ihres neuen Romans, nachdem die Romanhandlung Jahrzehnte durchmessen hat und Dutzende von Figuren auf- und wieder abgetreten sind, ist der Nobelpreisträgerin Toni Morrison ein Malheur passiert: ein Fehler im allerletzten Wort. Ein winziges Detail, das kaum ein deutscher Leser bemerken wird, denn es ist nur in der im vorigen Jahr in Amerika erschienenen Originalausgabe enthalten: Toni Morrison, 1931 in Ohio als zweites von vier Kindern eines schwarzen Arbeiterehepaares geboren, Historikerin, Lektorin, Schriftstellerin, Lehrstuhlinhaberin in Princeton, Pulitzerpreisträgerin und Nobelpreisträgerin von 1993, hat das Wort "Paradise" mit einem großen P geschrieben und nicht, wie sie es sich vorgenommen hatte, mit einem kleinen. Eine Kleinigkeit? Gewiss, aber eine, in der die einzige gravierende Schwäche dieses beeindruckenden Romans eingeschlossen ist wie die Mücke im Bernstein. "Paradies" ist ein Buch ohne Kleinschreibung, ein Triumph der Großbuchstaben und ein Roman, in dem überall dort, wo Auslassungspunkte stehen sollten, der senkrechte Balken des Ausrufezeichens in den Himmel wächst.

          Im Englischen ist der Unterschied zwischen einem großen und einem kleinen Anfang bei einem Wort wie "paradise" nicht unbedeutend. Der ganze Respekt vor der Verheißung des Wortes, die Hoffnung auf Erlösung und die Achtung vor der Heiligen Schrift finden Ausdruck im großen P. Es ist der Aussichtsturm, den man erklimmen muss, will man auf die fromme Erwartung ungezählter Generationen zurückschauen. Das kleine p hingegen ist das Loch im Zaun, ein Gartentörchen, durch das jeder unbemerkt schlüpfen kann: ein Hindernis, das keines ist.

          Nach dem Erscheinen des Buches hat Toni Morrison erklärt, sie habe mit ihrem Roman das Paradies aus den Wolken holen wollen. Es solle zu einem Ort werden, der für jeden zugänglich ist, "für die Passagiere und für die Besatzung". Ein merkwürdiger Satz. Toni Morrison spricht vom Garten Eden, als handle es sich um einen Jumbojet mit Flugverbot. Tatsächlich gibt es in diesem Roman leitendes Personal, zahlende Gäste und blinde Passagiere, die für ihr Fernweh mit dem Leben bezahlen.

          Das Massaker findet im Morgengrauen statt. Neun Männer haben sich auf den Weg gemacht, ein altes Herrenhaus, das so genannte Kloster, zu überfallen, in dem eine Gemeinschaft blinder Passagiere lebt, vier Außenseiterinnen, Ausgestoßene, gestrandet auf der Flucht vor sich selbst und den maroden Verhältnissen, aus denen sie kommen. Die Männer sind auf der Jagd, einer Hexenjagd, wie sie glauben, und am Ende des Romans kennen wir nicht nur die Gründe für die blutige Kleinbürgerrevolte im Paradies, sondern auch die Geschichten aller Beteiligten, der Opfer wie der Täter. Wie die früheren Romane "Jazz" (dt. 1993) oder "Menschenkind" (dt. 1989) besteht auch "Paradies" zu einem gut Teil aus der Beschreibung von Schicksalen und Lebensläufen. Ihre Summe fügt sich nicht nur zu den Porträts zweier Gemeinschaften, wie sie unterschiedlicher nicht sein können, sondern erklärt auch, warum ein Paradies das andere mit Hass und Gewalt überzieht.

          Das Herrenhaus der unheimlichen Frauen, die Drogen nehmen und seltsame Exerzitien der Selbsterfahrung in dessen Kellergewölben praktizieren, und Ruby, die benachbarte Kleinstadt mit ausschließlich schwarzer Bevölkerung, die von Spießbürgern bewohnt und von bornierten Patriarchen regiert wird, sind Refugien, Flucht- und Trutzburgen schwarzer Gemeinschaften, die auf verschiedenen Wegen dasselbe Ziel verfolgen: Sie bilden Schutzräume schwarzer Identität.

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