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Rezension: Belletristik : Flügelpferd, du echter Bruder

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Geht in Ordnung, sowieso, genau: Thomas Kling übersetzt Catull

          Gaius Valerius Catullus, Zeitgenosse Ciceros und Cäsars und mit beiden auch persönlich bekannt, ist neben Ovid derjenige lateinische Autor, der sich in der Gegenwart der größten Beliebtheit erfreut. Nachdem seine Überlieferung durch das Mittelalter am seidenen Faden eines einzigen Manuskripts gehangen hatte, braucht für seinen Ruhm heute nichts mehr getan zu werden. Das ist um so erstaunlicher, als die Qualität seines schmalen Werks (anders als bei dem ausführlicheren Ovid, dessen Verse auch noch, wenn sie in Prosa erzählt werden, viel von ihrem Reiz behalten) völlig in die lyrische Form eingesenkt ist.

          Darin besteht auch die Herausforderung: zu versuchen, die Frische und unverwechselbare Eigenart des Catullischen Stils in die eigene Gegenwart zu retten und dabei doch die leichte, aber entschiedene Geformtheit dieser Gebilde, ihre Eleganz, nicht preiszugeben, ohne die die Gedichte in ihren bloßen Stoff zurückfallen und zu Zoten oder Kalauern degenerieren. Thomas Kling ist nicht der erste, der sich daran wagt; und er wird nicht der letzte bleiben, der Catull emphatisch der Gegenwart erobern und dem Feindbild einer verstaubten literarischen Tradition entreißen will - "der Drive ist hin, und alles kippt in oberstudienrätliche Anakreontik", wie das Nachwort es ausdrückt.

          An Klings Bändchen fällt zuerst auf, daß er den ohnehin schmalen Catull - hundertsechs Gedichte, "Carmina", die meisten davon recht kurz - noch weiter abmagern läßt: Ganze acht Stück haben es in Klings Auswahl-Übersetzung geschafft. Und die zum Teil nicht einmal komplett: Bei dem titelgebenden Carmen 66, "Das Haar der Berenice", läßt er einfach zwölf Verse aus - gerade jene zwölf Verse, die klarmachen, worum es bei diesem Haaropfer eigentlich geht, nämlich um ein Gelübde für die sichere Heimkehr von Berenices Gatten aus dem Krieg. Aus Carmen 64, Catulls umfangreichstem, dem Hochzeitsgedicht für Peleus und Thetys, pickt er sich die Passage heraus, die ihm am meisten behagt, nämlich die Schilderung der rasenden Bacchantinnen: "Wow! Die Bacchen, Wow!", mit ihrem "saugutgenauen Metallsound". Der kunstvolle Zusammenhang, in den Catull diese orgiastische Szene gestellt hat, interessiert Kling dabei überhaupt nicht: Daß sie nämlich, gestickt oder gewebt, die Decke des Brautbetts ziert, ihrerseits Staffage einer anderen Hochzeit, der von Bacchus und Ariadne; die entgrenzende Verzückung ist so von einem doppelten Rahmen ehelicher Ordnung umfangen.

          Indem er diese Spannung zwischen den Kräften des Chaos und des Kosmos aufbaut, hat Catull, der hier ein Gedicht des hellenistischen Autors Kallimachos zum Vorbild nimmt, griechisches Denken in die römische Welt übertragen - ein Beispiel schöpferischen Transfers, von dem sich bei Kling nichts ahnen läßt. Was er statt dessen bietet, ist nun wirklich oberstudienrätliche Manier: Alles, was sich nicht ohne Schwierigkeiten öffnet, beiseite lassen und sich den Kids mit ihrer kurzen Spanne von Aufmerksamkeit anbiedern, wenn der Lehrplan Grundkurs Latein nun einmal den ollen Catull vorsieht.

          Was macht er etwa aus Carmen 5, dem berühmten Kußzählgedicht! Kling ist Catulls Temperament ersichtlich nicht gewachsen; von den 3300 Küssen, die sich bei Catull schließlich summieren, rettet er nur 2200 hinüber; dann geht ihm die Puste aus, "Vivamus, mea Lesbia, atque amemus!" wird zu "leben wollen wir, meine Lesbia; und uns // lieben". Er muß in diesem Jubelruf also wirklich und wahrhaftig zweimal absetzen: im Strichpunkt zaudert er, im Zeilenwechsel wischt er sich den Schweiß von der Stirn. "sonnen gehn unter, können wieder erstehn" ergibt im Deutschen keinen Sinn; gemeint sind die Tage. Infolgedessen mißglückt auch der daran anknüpfende Vers "nox est perpetua una dormienda", woraus Kling macht: "ewig nacht dann, und ein schlaf". Wo bei Catull ein einziger Schlaf vorliegt, der lange Schlaf des Todes, gerät das Zahlwort bei Kling in die Senkung, das Ergebnis ist "und ein schlaf" - so müd ist er schon!

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