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Rezension: Belletristik : Fluch der dünnen Dielenbretter

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Keine Schatzinsel, doch eine Entdeckung: Ioanna Karystiani spielt Schiffeversenken im Ägäischen Meer · Von Tilman Spreckelsen

          Das Unglück der Familie Saltaféros von der Kykladeninsel Andros wurzelt in einer seltsamen Mischung aus Sparsamkeit und Verschwendung: "Als die Saltaféros' 1917 das zweistöckige Haus bauten, warfen sie für Fensterrahmen und Türknäufe ihr Geld hinaus, beim Boden reute es sie: Wie ein ausgebreitetes Stück Gaze ließ er die Töne und das Leben der oberen Wohnung in die untere durchfließen, blanke, dünne Zypressenbretter, ohne Mörtel dazwischen, ohne festes Material, um zu zeigen, daß es zwei Wohnungen waren, ihre Leben zu trennen und sie in sicherer Distanz zu halten."

          Weil es diese Distanz nicht gibt, wird Órsa, die ältere Tochter der Seefahrerfamilie, zur Ohrenzeugin der Liebesnächte, die ihre Schwester Móska mit dem Kapitän Spíros verbringt. Das jungverheiratete Paar bewohnt die obere Wohnung des Hauses, Órsa und ihr Mann Nikos die untere. Nacht für Nacht lauscht Órsa angespannt auf die Geräusche, die von oben herunterdringen, und auch als sie schon drei eigene Kinder hat, kommt sie von dem Liebesleben ihrer Schwester nicht los. Und als Spíros Jahre später ums Leben kommt, ist es seine Schwägerin, die sich zu Tode hungert, nicht die Witwe.

          Órsas Obsession für den Mann ihrer Schwester bildet einen wesentlichen Erzählstrang in "Die Frauen von Andros". Der Debütroman der griechischen Drehbuchautorin Ioanna Karystiani, der jetzt, vier Jahre nach der Originalausgabe, auch auf deutsch erscheint, ist dabei alles andere als die melodramatische Schilderung einer verheerenden Leidenschaft, der am Ende der räumliche wie emotionale Zusammenhalt eines Familienverbandes zum Opfer fällt. Denn Karystiani vermeidet alle Untiefen, die ihren Stoff zur Kolportage machen könnten, vor allem die der einseitigen Identifikation mit einer Figur. Fortwährend nimmt sie wechselnde Perspektiven ein und erschafft damit ein Panorama andriotischen Lebens, das um so natürlicher wirkt, als die Autorin von vielen Protagonisten erzählt, ohne auch nur von einem einzigen erschöpfend zu berichten. Die Figuren bleiben in ihren innersten Beweggründen zunächst rätselhaft, was dem Roman entschieden gut bekommt, und Karystiani läßt häufig Geschehnisse im dunkeln, solange sie auch den übrigen Protagonisten verborgen bleiben.

          Das sind nicht wenige. Denn bei aller räumlichen Enge der Insel ist die Distanz frappierend, die sich selbst innerhalb der Familien und vor allem zwischen den Ehepartnern auftut. Präsent sind auf Andros überwiegend die Frauen, die Männer sind meist als Seefahrer unterwegs, unterhalten Parallelfamilien in entfernten Hafenstädten oder verschwinden einfach so. Wenn sie tatsächlich auf der Insel erscheinen - meist für ein paar Sommermonate im Zweijahresrhythmus -, zeugen sie Kinder, die ihre Väter erst zu Gesicht bekommen, wenn sie bereits laufen können.

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