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Rezension: Belletristik : Florentine heißt ein Kind

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Kapitän Arnold Rickmers fuhr zur See, bis ihm ein Mast das linke Bein zerschlug. Da wurde er Leiter des Hamburger Hafens. Zu seinen Aufgaben gehörte es, die Reihenfolge festzulegen, in der die Schiffe in den Hafen einfuhren. Doch die Schiffsnamen auf den täglichen Listen gruppieren sich ihm bald ...

          Kapitän Arnold Rickmers fuhr zur See, bis ihm ein Mast das linke Bein zerschlug. Da wurde er Leiter des Hamburger Hafens. Zu seinen Aufgaben gehörte es, die Reihenfolge festzulegen, in der die Schiffe in den Hafen einfuhren. Doch die Schiffsnamen auf den täglichen Listen gruppieren sich ihm bald unwillkürlich zu rudimentären Perioden: "Langsam wurde das Sätzebilden zur fixen Idee bei ihm, und das Spaßige war, daß er das gesamte Personal des Hamburger Hafens allmählich damit ansteckte. Als die großen Hebeschiffe ,Kraft', ,Macht', ,Wille' eines Tages auf der Werft repariert wurden, da riefen die Dockarbeiter lachend: ,Wille macht Kraft!'"

          Doch die Umsetzung dieser Wortphantasien in lesbare Wirklichkeit scheitert naturgemäß an dem begrenzten Spektrum der Schiffsnamen. Ganze Sätze lassen sich erst bilden, nachdem Kapitän Rickmers durchgesetzt hat, daß Schleppdampfer und Beiboote auf so nützliche Namen wie "und", "ohne" und "am" getauft werden. Dann schlägt Rickmers' Stunde: Die Schiffe "Brunnen", "Zitronenbaum" und der norwegische Tanker "Tore Dastedt" werden von den vier Schleppdampfern "am", "vor", "dem" und "ein" so geschickt in den Hafen bugsiert, daß die erstaunten Zuschauer lesen können: "Am Brunnen vor dem Tore Dastedt ein Zitronenbaum."

          Die Geschichte des Kapitän Rickmers hört der zehnjährige Knabe Boy von seinem Urgroßvater auf der Insel Helgoland. Es ist eine von vielen, alle haben sie mit Sprache zu tun, und alle dienen sie nur einem Zweck: Sie lösen Boy die Zunge und ermutigen ihn zu einem neugierigen, spielerischen Umgang mit den Worten, zum Verseschmieden ebenso wie zu der Erforschung von sprachlichen Zusammenhängen und Entwicklungen.

          Die Welt, wie sie der Autor James Krüss in "Mein Urgroßvater und ich" (1959) und in anderen Büchern geformt hat, ist ein Labyrinth von Geschichten und Wortspielen, in denen die außersprachliche Wirklichkeit nichts zu suchen hat, wenn sie nicht in der Drechslerwerkstatt des Urgroßvaters oder in Tante Julies Haus erzählt werden kann, wenn sie sich nicht reimen läßt oder den Stoff für eine Geschichte nach vorgegebenen Anfangsbuchstaben abgibt. Dieser Kosmos ist bevölkert von Menschen, die nur darauf warten, der Sprache auf den Grund zu gehen, ABC-Gedichte zu verfassen oder den Charakteristika nachzuspüren, die mit dem Buchstaben "G" verbunden sind, um dann flugs die Geschichte von Graf Gustav von Gelderland zu erzählen, der all seinen Grund, sein Gut und Gold vererben will ("In Tante Julies Haus", 1969). Ganz selten kommt es zum Kontakt mit einer Sphäre, die sich darauf nicht einlassen will, und immer siegt das Spiel mit der Sprache. Die Isolation, in der erzählt wird, trägt nicht selten den Charakter der Verzweiflung. Der 1926 geborene Krüss, der gegen Ende des Krieges noch Soldat werden mußte, entwirft immer wieder Erzählsituationen, wo es ganz offen um Leben und Tod geht, etwa in "Adler und Taube" (1963) oder in dem düster-mystischen Nachlaßband "Im Krug zum grünen Walfisch" (1999). Solange erzählt wird, tut man sich kein Leid an - dies ist die Botschaft, die Krüss manchmal geradezu verzweifelt vorbringt.

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