https://www.faz.net/-gr3-2fcw

Rezension: Belletristik : Fleischeslust der Cheeseburger

  • Aktualisiert am

Alessandro Baricco entdeckt die Genüsse der Trivialkultur

          4 Min.

          Es ist nicht Lust und Liebe, was die knapp dreißigjährige Shatzy Shell mit dem nicht mal halb so alten Physikgenie Gould zusammenbringt. Sondern die exzessive Neigung, im unpassendsten Moment mit einer Geschichte anzukommen. Als Shatzy, bei einer Comic-Zeitschrift als Telephonistin unter Vertrag, den jungen Anrufer mit einer ihrer umständlichen Anekdoten überschüttet, ist sie den Job quitt - und zieht kurzentschlossen in die Campusbude des Wunderknaben ein. Gould ist einer dieser bedauernswerten Teenager, deren Nobelpreisaussicht sie elfenbeinturmhoch von den Spielen ihrer Altersgefährten trennt. Sein Vater hat einen wichtigen Posten beim Militär und ist weit weg, die Mutter seit Jahren in der Nervenheilanstalt. Da bleibt jede Menge Zeit für bizarre Comics und sinnlose Anrufe. Zur Unterhaltung hat sich Gould zwei imaginäre Bodygards ausgedacht, einen langen schlagfertigen und einen kurzen sprachlosen, auf die er seine endlosen Selbstgespräche abwälzen kann. Und er hat jetzt Shatzy Shell, die sich bei einem der väterlichen Kontrollanrufe als sein neues Kindermädchen ausgibt.

          Das ist, fast schon, alles. Die äußere Handlung in Alessandro Bariccos neuem Roman ist so klapperdürr, als wolle er seiner Verfilmung beharrlichen Widerstand entgegensetzen. Oder gleich zwei, drei Filme im Paket anbieten, immer wieder von einem Kino ins andere wechselnd. Der Mensch, so hat der Philosoph Odo Marquardt einmal festgestellt, ist ein Wesen, das zuweilen nicht handelt, wie es soll oder will, sondern etwas "statt dessen" tut. Zum Beispiel, sich Geschichten auszudenken. Das skurrile Pärchen in Bariccos "City" macht über Hunderte von Seiten nichts anderes, wenn man von einem Besuch beim Schnellimbiß zu Goulds vierzehntem Geburtstag absieht. Und vom Erwerb eines gelben Wohnwagens, der sie bestimmt weiterbringen würde, wenn sie ein Auto hätten.

          Nicht, daß sich die beiden treiben ließen, im Gegenteil: Gould und Shatzy sind die einzigen weit und breit, die mit sturer Konsequenz an ihren Träumen festhalten. Keine Cyber-Surfer, sondern die letzten Glückssucher der amerikanischen Popkultur. Um sie herum nichts als Oberflächlichkeit, Zirkulation und Zufall. Die City-Welt eben, von der "City" aber so gut wie nichts erzählt. Ort und Umstände bleiben unbestimmt, als seien sie überall zu finden und kaum der Rede wert.

          Statt dessen nimmt sich Baricco viel Zeit für Geschichten, deren Sound auf die Liste vom Aussterben bedrohter Tonlagen gehört. Gould schwänzt seine Vorlesungen, lungert teilnahmslos am Rande eines Fußballplatzes herum, kann sich nicht entscheiden, ob er das lukrative Angebot einer anderen Uni annehmen soll. Zu großer Form aber läuft er auf, sobald er die Badezimmertür hinter sich geschlossen hat. Dann wird er zum Stimmenimitator und präsentiert Shatzy eine Radioshow, die den kaputten Fernseher rasch vergessen macht. In täuschend echt modulierten Dialogen, Reportagen, Rückblenden entwirft Gould, auf dem Klodeckel sitzend, den fulminanten Aufstieg des Boxers Larry Gorman. Dieser Gorman, unschwer als Wunschprojektion seines pubertären Erfinders zu durchschauen, ist kein banaler Haudrauf, sondern eine Spielernatur, dem Typ des Gentleman-Boxers zuzurechnen. Er läßt mit tänzerischer Eleganz seine Gegner ins Leere laufen, um dann selbst die hartgesottensten Burschen gnadenlos in die Seile zu schicken. Dem Autor, der nebenbei eine Schule für kreatives Schreiben leitet, bietet diese Boxergeschichte dankbare Gelegenheiten, zu zeigen, was er kann.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Präsident im Faktencheck : Twitter verhebt sich an Trump

          Erstmals hält Twitter dem amerikanischen Präsidenten Fakten entgegen. Das Unternehmen will so die Ära der medialen Schiedsrichter wiederbeleben. Das kann nicht gut gehen.

          Kinder-Notbetreuung : Unterwegs mit tapsigen Schritten

          Allmählich kehren immer mehr Kinder in die Betreuung zurück. Die Ministerien haben Hygienestandards für die Einrichtungen bestimmt. Das ist ein Experiment: für den Nachwuchs, ihre Eltern, das Personal – und die Wissenschaftler.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.