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Rezension: Belletristik : Fleischeslust

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Prächtig: Moses Isegawa stürzt in einen abessinischen Abgrund

          2 Min.

          Nicht "abessinische", sondern "abyssische" Chronik müßte dieser Roman eigentlich heißen. Denn Mugezi, der Erzähler, erklärt, sein Vater Serenity habe Uganda für einen "Abyss", einen Abgrund, gehalten, der Menschenleben verschlinge, deswegen sei Uganda das wahre Abyssinien, Abessinien. Der 1963 geborene Isegawa schildert in diesem Debüt die Geschichte Mugezis von der frühesten Kindheit in einem ugandischen Dorf bis zur Auswanderung nach Amsterdam. Ein afrikanischer Bildungsroman, könnte man meinen, wäre da nicht die überaus feine Ironie, mit der Isegawa seine Schilderungen vorträgt und die auch den späten Erfolg Mugezis in ein höchst zweideutiges Licht rückt. Der Ironiker tritt nur in den Hintergrund, wenn Isegawa die Greuel des Bürgerkrieges ausmalt, von dem das ostafrikanische Land heimgesucht wird - oder wenn er das Wüten der Aids-Epidemie beschreibt, der reihenweise Mugezis Onkel und Tanten zum Opfer fallen.

          Aus einem anscheinend unerschöpflichen Füllhorn schüttelt Isegawa seine Episoden. Der Roman überzeugt nicht durch komplexe Konstruktion oder durch atemraubende Spannungsbögen, sondern durch seinen Reichtum an Anekdoten, durch die Kaskaden von Miniaturen - und den Willen seines Protagonisten, den tausend Wechselfällen des Lebens zu trotzen. Schon das Dorf im ostafrikanischen Busch als Schauplatz der Kindheit bietet viele Möglichkeiten zu mannigfaltigen Erlebnissen. So wird der junge Mugezi Gehilfe seiner Großmutter, die als Heilkundige und Hebamme in den Weilern unterwegs ist. Seine Bedeutung liegt weniger in praktischen Diensten als in einer Art magischer Präsenz: Die Gegenwart des Jünglings soll, mündlicher Überlieferung zufolge, die Geburt gesunder männlicher Nachkommen begünstigen. Männliche Nachkommen wiederum erhöhen das soziale Prestige der ugandischen Mütter. Straucheln könnte Mugezi auch im katholischen Seminar, in dem Neuankömmlinge einer von den Priestern geduldeten Tyrannei durch die älteren Schüler ausgesetzt sind. Hier mausert er sich zu einem kleinen Terroristen.

          Isegawa verfügt über ein beeindruckendes Erzähltalent. Eine Herausforderung für die Lachmuskeln ist die Darstellung der Hochzeit von Serenity und Hängeschloß, der Eltern Mugezis. Wie die weitverzweigte Verwandtschaft sich im Dorf versammelt, wie die Festgemeinde sich einer wüsten Orgie des Fleisches hingibt und die Braut, eine verstoßene katholische Nonne, von Ekel vor all dieser heidnischen Fleischeslust ergriffen wird, wie in der Hochzeitsnacht, in der das Ritual der Entjungferung unter Anwesenheit einer Tante zelebriert werden soll, die Tante dem Bräutigam beispringt, weil dieser im entscheidenden Augenblick unter Potenzproblemen leidet, wie sich der Bräutigam in ebendiese hilfreiche Tante unsterblich verliebt, woraus seine lebenslängliche Beziehung zu einer Zweitfrau entspringt, wie sich die Spuren der nächtlichen Exzesse am folgenden Tag auf dem ganzen Gelände verstreut finden: das alles ist äußerst unterhaltsam erzählt. Aber Isegawa beschönigt auch nichts: Er schildert die ugandischen Verhältnisse, die kaum zu bezwingende Neigung zu Korruption und Nepotismus, die innerafrikanischen ethnischen Vorurteile, die systematischen Plünderungen und Vergewaltigungen ohne postkoloniale Schuldzuweisungen.

          Mit bewundernswertem Improvisationstalent schmuggelt sich der Schelm durch die Fährnisse der "abessinischen" Steppe und ist am Ende - ein bißchen reifer, ein bißchen klüger, ein bißchen vermögender - unter allerlei Schwindeleien in Europa angelangt. Dank einer niederländischen Hilfsorganisation, die in Uganda mit ihrem pädophilen Image zu kämpfen hat, während sie in Europa mit zweifelhaften Methoden ihre Spenden eintreibt, dringt er bis nach Amsterdam vor und verabschiedet sich, als er alle Betrügereien durchschaut hat, auf nonchalante Art aus seinen Spendensammelkontrakten - und geht ein Verhältnis zu einer Weißen ein. Und so endet Mugezis Geschichte - leider, muß man sagen, denn der Leser hat unterwegs diesen ugandischen Fabulierer, diesen Märchenprinzen mit seiner blühenden Phantasie und seinem nicht totzukriegenden Humor längst liebgewonnen.

          LORENZO RAVAGLI

          Moses Isegawa: "Abessinische Chronik". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Barbara Heller. Verlag Karl Blessing, München 2000. 604 S., geb., 46,90 DM.

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