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Rezension: Belletristik : Fische sind ein stummes Volk

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Schmerz, laß nach: Nikolaj Frobenius zerlegt einen Anatomen

          2 Min.

          Der Königsweg zum Realismus ist die Schilderung des Schmerzes. Bekanntlich hat er viele Gesichter, Temperamente und Verhaltensarten. Die Literatur jedoch scheint sich in letzter Zeit auf seine Fratze zu beschränken. Ihr Lieblingsgegenstand ist die bestialische Gewalt. Der neuen Vorliebe entspringen seltsam fade Bücher. In ihnen erblaßt das Erzählen vor dem Terror der Fakten. Überfordert kündigt die Phantasie ihren Vertrag mit der Fiktion. Was zurückbleibt, sind Worte ohne eine Welt im Rücken.

          Nikolaj Frobenius' Roman "Der Anatom" ist keine Ausnahme. Sein Protagonist, Martin Latour Quiros, befördert alle Feinde seiner toten Mutter durch Vivisektionen aus dem Diesseits. Latours Motive sind diffus, ein wenig Rache, ein wenig wissenschaftliche Neugier. Er sucht die Quelle des physischen Schmerzes. Frobenius hat sich - nach dem Muster von Patrick Süskinds "Parfüm" - einen Helden mit leiblichem Defekt ausgedacht, dessen Weltwahrnehmung in phantastischer Weise von der seiner Mitmenschen abweicht: Er ist immun gegen körperliches Leiden. Man kann Frobenius zugute halten, daß er in Latour den Phänotyp des abgestumpften Lesers bietet, für den Romane wie "Der Anatom" geschrieben sind: Weil die Gewalt ihn nicht berührt, versucht man es mit stärkerer Dosierung.

          Es ist eine milde Überraschung, daß der Protagonist als Lakai des Marquis de Sade Karriere macht. Frobenius gab ihm Namen und biographische Züge zweier Lieblingsdiener des Wüstlings mit. Doch wer dieselbe spöttische Verwegenheit und überdrehte Lust erwartet, womit der Franzose literarisch den Gesetzesbruch begeht, den wird "Der Anatom" enttäuschen. Der emotionslose Ton des teils in der ersten, teils in der dritten Person erzählten Buches mag eine Funktion der Behinderung des Helden sein. Die Taubheit gegenüber dem Schmerz schlägt bei Latour ins hohle Wesen eines Widergängers, nicht in den Übermut der Götter aus.

          Um überhaupt etwas erzählen zu können, geht der Autor Kompromisse ein. Sein Protagonist empfängt Sinnesreize, hat Mitleid, Gefühle und Ängste, ist von physischen Impulsen, die dem Schmerz verwandt sind, also nicht kategorisch abgeschnitten. Doch alles, was ihn betrifft, bleibt müde und matt. Daran können auch die Bordellszenen nichts ändern. Die sexuelle Tüchtigkeit des temperierten Mannes versteht sich angesichts seines Arbeitgebers wahrscheinlich von selbst; nach Lektüre des Buches möchte man ihn eher als Haremswächter empfehlen.

          Frobenius interessiert sich nicht für die sexuelle Dimension des Sadismus. Ihm geht es um etwas anderes. Unmittelbar vor dem Ausbruch der Französischen Revolution macht sein Held eine entscheidende Entdeckung. Im Wasser eines Baches liegend, wird er von Fischen gestreift. Ihre Elektrizität läßt ihn für Augenblicke Schmerz empfinden. Sie ist das, was seinem Körper fehlt. Die Fische sind ein stummes Volk. Und hier liegt die Parabel.

          Latour nennt das Gehirn einmal den "Großen König"; die Stadt Paris hingegen kommt ihm wie ein aufgeschnittener Frauenleib vor. "Der Anatom" gibt sich an diesen Stellen als allegorischer Text zu erkennen, der auf der staatsphilosophischen Mythe von den zwei Körpern des Königs beruht. Dem Ancien Régime fehlte der Wechselstrom, der das in Versailles verschanzte Staatsoberhaupt über das Weh in seinen Gliedern hätte instruieren können. Ein unempfindlicher König quält sein Volk wie Latour seine Opfer: nur weil er selbst von ihrem Leid nichts fühlt.

          "Caesar" hat der mordende Hobbyanatom sein Maskottchen, eine ausgestopfte Möwe, genannt. Die Präparation konserviert den schönen Schein des freien Vogels. Frobenius' Held jedoch will wissen, was darunter liegt. Ihn tröstet, "daß er, Latour, das häßlichste Kind ganz Frankreichs, hinter dem dünnen Schleier der Haut nicht häßlicher war als die anderen". Nicht häßlicher als Kaiser und König also. Denn im Tod sind alle gleich. Der Romancier macht sich den Sadismus als demokratisierendes Projekt zu eigen. Gewissenhaft legt er die allgemeine Unansehnlichkeit des Menschenlebens frei. INGEBORG HARMS

          Nikolaj Frobenius: "Der Anatom". Roman. Aus dem Norwegischen übersetzt von Günther Frauenlob. Luchterhand Literaturverlag, München 1998. 256 S., geb., 39,80 DM.

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