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Rezension: Belletristik : Finks Krieg

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Martin Walsers Entschlüsselung einer politischen Affäre

          4 Min.

          So könnte man die Geschichte beginnen:

          "Der Leitende Ministerialrat in der Hessischen Staatskanzlei, W., wird künftig wieder das tun, was er bis 1988 achtzehn Jahre lang getan hatte." (F.A.Z. vom 2. März 1992.)

          Oder man könnte sie so beginnen:

          "In Wiesbaden am Rhein lebte, gegen Ende der achtziger Jahre unseres Jahrhunderts, ein Ministerialrat namens Stefan Fink, Sohn eines Beamten, einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit. Dieser außerordentliche Mann würde bis in sein fünfzigstes Jahr für das Muster eines guten Staatsbürgers haben gelten können. Er besaß in der Hessischen Staatskanzlei das Referat für Kirchen und Religionsfragen; die Kinder, die ihm sein Weib schenkte, erzog er, in der Furcht Gottes, zur Arbeitsamkeit und Treue; nicht einer war unter seinen Nachbarn, der sich nicht seiner Wohltätigkeit, oder seiner Gerechtigkeit erfreut hätte; kurz, die Welt würde sein Andenken haben segnen müssen, wenn er in einer Tugend nicht ausgeschweift wäre."

          Das sind zwei Anfänge - der einer Zeitungsmeldung und die abgewandelten ersten Zeilen von Kleists "Michael Kohlhaas" -, zwei Varianten einer Geschichte. Martin Walser hat einen dritten Anfang gefunden. Sein Rechtsgefühl ließ den Roßhändler Michael Kohlhaas zum Räuber und Mörder werden. Das Rechtsgefühl des Beamten Fink treibt ihn in Rachegelüste, Tötungsphantasien und schließlich in einen unbarmherzigen Krieg. Kleists Novelle trägt den Ton einer alten Chronik und versetzt den entsetzlichen Bericht in die trügerische Nüchternheit der Kanzleien. Walsers Roman ist schiere Gegenwart. Er spielt in den Kanzleien, die Kleists Geschichte die Sprache liehen. Gegen den unendlichen Langmut der Institution, die seit Ewigkeiten und für Ewigkeiten Gesetze anfertigt oder verwirft, Beschlüsse faßt oder kassiert, gegen ihre unvordenkliche Autorität erhebt sich im Jahre 1988 ein neuer Kohlhaas. Aber es ist ein Kohlhaas, der Fleisch von ihrem Fleische ist, einer, der selber beurkundet, beschlossen oder verworfen hat, ein Kohlhaas, der im Leben nur noch auf die Gehaltsgruppe B 6, die Leuschner-Medaille und zu Weihnachten auf den Champagner von Ignatz Bubis hofft.

          Walsers Held, der Leitende Ministerialrat Stefan Fink, hat den Krieg im Kopf. Nach dem Regierungswechsel erfährt er vom christdemokratischen Staatssekretär Tronkenburg, dem neuen Chef der Staatskanzlei, daß sich die Kirchen, für die der Sozialdemokrat Fink zuständig ist, über seine Amtsführung beschwert hätten. Eine Versetzung sei unumgänglich, der Nachfolger fast schon ernannt. Das ist die Ausgangssituation dieses Romans: die geringste, die allergewöhnlichste Variante eines Beamtenschicksals.

          Aber aus der ganz unscheinbaren Präambel wird eine aufregende und überaus irritierende Geschichte. Das macht: der Ministerialrat Fink spielt nicht mit. Er fühlt sich in seiner Ehre getroffen. Er verlangt Beweise für die Beschwerden. Haß und Rachegefühle wachsen in ihm zu einem unabwendbaren Tötungsverlangen zusammen. Aus seinem Dienstzimmer in der Hessischen Staatskanzlei, aus dem Innenraum der Macht, beginnt der Beamte Fink seinen Krieg gegen das Land Hessen.

          Dies ist die Geschichte, mit deren Vorabdruck wir heute beginnen. Es hat über dieses Buch Spekulationen oder, mit den Worten des in ähnlicher Situation ertappten Thomas Mann zu sprechen, Gewisper und Getuschel gegeben. Denn Walser hat seine Geschichte nicht erfunden. Er verdichtet einen Vorgang, der vor einigen Jahren das Land Hessen in eine ernsthafte Krise gebracht hat. Jahrelang hat Walser die Ereignisse literarisch überwacht und recherchiert und dabei immer wieder auf die fast fünfzig Aktenordner zurückgegriffen, in denen der Hauptbeteiligte, der Ministerialrat Wirtz, fast jedes Detail seines Feldzuges archivierte. Wer die Zeitungsartikel der damaligen Vorgänge kennt, der bemerkt erst jetzt, nach der Lektüre von Walsers Roman, welch hochliterarischer Stoff hier vor aller Augen lag. Schon nach kurzer Zeit war man des Kampfes um Wirtz überdrüssig geworden - nicht nur die Zeitungsleser, sondern fast alle Beteiligten, die entnervt waren von der Beharrlichkeit eines Mannes, der unablässig behauptete, man habe an ihm ein Unrecht begangen.

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