https://www.faz.net/-gr3-6qb6a

Rezension: Belletristik : Feuilletonist aus dem Friaul

  • Aktualisiert am

Lange Sätze sind gefährlich: Neues aus der Pasolini-Forschung / Von Hans Scherer

          Von Pasolini werden jetzt auch die Texte veröffentlicht, die der Autor mit

          gutem Grund im Nachlaß versteckt hatte. Das gilt von beiden Neuerscheinungen, dem Bändchen aus dem Verlag folio und dem roten Salto-Bändchen von Klaus Wagenbach. Aber das heißt natürlich nicht, daß man nicht auch in beiden Büchern die eine oder andere interessante Stelle finden könne. Wichtiger als der Inhalt der Geschichten und der frühen Feuilletons ist in beiden Fällen die Lebenssituation, aus der heraus sie entstanden sind. In beiden Fällen handelt es sich um Sammlungen erster schriftstellerischer und journalistischer Versuche, die einleiten oder übergreifen auf die Zeit um 1950, in der Pasolini wegen seiner Homosexualität aus der Kommunistischen Partei Italiens ausgeschlossen und als Lehrer im Friaul entlassen wurde. In dieser, seiner ersten Lebenskrise zieht er, wie bekannt, mit seiner Mutter nach Rom, und er ist gezwungen, sich einen neuen Beruf zu suchen.

          Nico Naldini erhöht in seiner Einleitung zu dem folio-Bändchen die beiden Erzählungen zu großen Kunstwerken. Er bemüht Rimbaud und Proust, er scheut vor keinem schmückenden Beiwort der Literaturwissenschaft zurück, obwohl es sich in Wahrheit um zwei ziemlich schwache, offensichtlich sehr bemüht geschriebene Versuche handelt. Die konkreten Umstände des Schreibens von Pasolini zu dieser Zeit interessieren Naldini nur am Rande. Wenn er darüber berichtet, dann tut er es zuweilen auch noch falsch. So schreibt er: "Der zweite . . . Text, ,Kleines Meerstück', gehört einer späteren Phase des Erzählens an, als läge ein Lebensalter zwischen beiden Texten." In Wirklichkeit kann zwischen beiden Erzählungen höchstens ein Zeitraum von zwei, drei Jahren liegen, in denen Pasolini keineswegs den Charakter seines Schreibens geändert hat. Naldinis Einleitung deutet lediglich an, daß die Gefahr besteht, Pasolini in der sogenannten Pasolini-Forschung zu zerreiben, während das revolutionäre und künstlerische Element in den Werken des Schriftstellers und Filmers kaum noch beachtet wird. Pasolini hat nicht für die Wissenschaftler geschrieben.

          Die erste Erzählung des folio-Buches, "Romàns", ist eine konventionell geschriebene Geschichte, die zweite Erzählung, "Kleines Meerstück", erinnert dagegen an experimentelle Dichtung, wie sie in den fünfziger Jahren für jüngere Autoren in Europa fast Pflicht war. Mit Recht erinnert Nico Naldini an die Eingangsszene des Pasolini-Films "Edipo Re", die den antiken Stoff in rätselhafter Poesie in die Gegenwart versetzt. Das "Kleine Meerstück" wechselt ebenso rätselhaft die Zeiten. Pasolini scheint mit der autobiographischen Geschichte die Erzähltechnik seiner späteren Filme geübt zu haben. Die Erzählung "Romàns" ist von anderem Zuschnitt. In Variationen taucht sie in vielen Texten des frühen und späten Pasolini auf. Der Stoff beschäftigte ihn ein Leben lang. Es ist die Geschichte vom Lehrer in Friaul und von dessen Umgang mit den verschiedenen Schülern. Wie hübsch die Knaben sind, wenn sie kurze Hosen tragen. Wie der Lehrer mit ihnen zum Baden geht. "Nicht alle Knaben interessieren mich gleichermaßen. Und es sind nicht immer die, die es am meisten verdienten, deren Schicksal mir besonders am Herzen liegt", sinniert der katholische Lehrer am Abend in seiner Gewissenserforschung. Oder er denkt nach über die Stimmen der Knaben: ". . . Cesare spricht stoßweise, mit heiserer farbloser Stimme: es ist die Pubertät, die jedoch einen gewissen samtenen Tonfall nicht völlig verschleiert. Renato ist nicht Herr über seine Stimme, die fast immer in Herzklopfen erstickt." Pasolini soll ein leidenschaftlicher Lehrer gewesen sein.

          Das Wagenbach-Buch, "Geschichten aus der Stadt Gottes", ist eine Sammlung von Feuilletons, die in den fünfziger Jahren in römischen Zeitungen erschienen sind. Der älteste Text stammt von 1950, der jüngste von 1960, dazu noch eine Art Exposé zu dem Film "Der Weichkäse", das erst 1964 in "L'Unità" erschienen ist. Das durchgehende Thema des Buches heißt: Pasolini will Feuilletonist werden, und es ist rührend zu sehen, daß Pasolini kein Feuilletonist ist. Er will poetische Texte schreiben, er will mit Wörtern Bilder malen, aber die Texte und Bilder mißlingen ihm mit einer fast komischen Regelmäßigkeit. Ein Beispiel aus dem Text "Der Junge und Trastevere", es ist der zweite Satz des Buches: "Der Junge (der an der Ponte Garibaldi geröstete Kastanien verkauft) hält das Öfchen zwischen den Beinen, sitzt in einer Biegung des Brückengeländers, ohne jemandem ins Gesicht zu sehen, als wären seine Beziehungen mit anderen Menschen beendet oder beschränkten sich jetzt einfach auf eine Hand - und nicht einmal die konkrete Hand des kleinen Jungen oder der Alten - sondern eine abstrakte Hand, Bestandteil einer Buchführung, die in einem scharf kalkulierten und vorausberechneten Austausch das Geld reicht und die Ware erhält." Erst dieser verquere Satz macht dem Leser deutlich, was für eine Meisterschaft der Satzbildung hinter den langen Sätzen eines Thomas Mann, eines Adorno oder eines Wolfgang Koeppen steckte. Pasolini hat nicht den Atem zu einem langen Satz. In seinen späteren Arbeiten für Zeitungen, in den "Freibeuterschriften" etwa, hat er solch verschwommene Sätze gemieden. Doch 1950 wußte er noch nichts von den Gefahren eines langen Satzes - und er gibt nicht auf. Er will seine Poesie an den Leser bringen, auch wenn sie erst als Fundstücke aus dem Nachlaß in einem Buch veröffentlicht wird.

          Pier Paolo Pasolini: "Kleines Meerstück" und "Romàns". Zwei Erzählungen. Mit einer Einführung von Nico Naldini. Aus dem Italienischen übersetzt von Maria Fehringer. Verlag folio, Wien und Bozen 1996. 137 S., br., 36,- DM.

          Pier Paolo Pasolini: "Geschichten aus der Stadt Gottes". Aus dem Italienischen übersetzt von Annette Kopetzki. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1996. 75 S., geb., 22,80 DM.

          Weitere Themen

          Das Land ohne Wasser Video-Seite öffnen

          Klimawandel in Australien : Das Land ohne Wasser

          Lange Zeit war der Klimawandel nur eine düstere Prognose für die Zukunft, doch in Australien sind die Vorhersagen schon bittere Realität geworden. Viele Landwirte stehen vor dem Nichts, nachdem eine jahrelange Dürre Weidegründe hat verdorren und Quellen versiegen lassen.

          Topmeldungen

          Klimastreik in Berlin : Rackete for Future

          Beim großen Klimastreik in Berlin überlassen die Aktivisten von „Fridays for Future“ anderen die Bühne. Es sollte der Auftakt sein für ein breites gesellschaftliches Bündnis. Doch noch prallen Welten aufeinander.
          Ihnen reicht der Kompromiss nicht: Wie in Berlin demonstrierten Hunderttausende

          Kompromiss und Proteste : Was in der langen Nacht geschah

          Erst war das Klimaschutzgesetz fast am Ende, dann kam der Protest – und dann stritt das Kabinett eine Nacht lang. Jetzt sonnt sich die Politik im Glanz der Einigung. Währenddessen dröhnt der Protest Hunderttausender.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.