https://www.faz.net/-gr3-31ra

Rezension: Belletristik : Feuchte Hieroglyphen

  • Aktualisiert am

Einst war das Surfen mehr als nur ein virtueller Spaß im Internet. Damals war das Surfbrett die Harley Davidson des Easy Riders, das Gleitmittel der kalifornischen Lebensphilosophie. Es versprach Sonne, Fun und Good Vibrations. Nachts kreiste der Joint am Lagerfeuer; Freiheit und Glück schienen so nah wie die nächste Flut.

          4 Min.

          Einst war das Surfen mehr als nur ein virtueller Spaß im Internet. Damals war das Surfbrett die Harley Davidson des Easy Riders, das Gleitmittel der kalifornischen Lebensphilosophie. Es versprach Sonne, Fun und Good Vibrations. Nachts kreiste der Joint am Lagerfeuer; Freiheit und Glück schienen so nah wie die nächste Flut. Doch die Surfer wurden älter, einsamer und melancholisch: Den verlorenen Träumen der Jugend nachtrauernd, spuken sie heute durch die Romane von T. C. Boyle und Thomas Pynchons "Vineland". In Denis Johnsons großem Roman "Schon tot" vertreibt sich ein Kriegs- und Surfveteran die Zeit der Ebbe mit Marihuanaanbau, ziellosen Autofahrten und einer leicht psychotischen New-Age-Tramperin: "Nur das Warten, nicht die Wellen, war real gewesen."

          Auch Kem Nunns Held Drew Harmon gehört zu dieser Bruderschaft messianischer Altsurfer, die für den Beach-Boy-Kinderkram nur Verachtung übrig haben. Es sind ewige Freaks, Outlaws und Abenteurer, die dem System ein Schnippchen schlagen wollen und noch in die Brandung hinauspaddeln, wenn feige Landratten längst die Rettungsleine ziehen. Auch Harmon hat mit der kommerzialisierten Surfkultur gebrochen, um sich mit einem von Rippenbrüchen und Haiattacken zernarbten Körper in jene unzugängliche Wildnis Nordkaliforniens zurückzuziehen, wo schon bei Johnson die verkrachten Althippies Unterschlupf fanden. Er sucht den ultimativen Kick: Humaliwu, der Ort, an dem die Legenden sterben, wie er in der Indianersprache heißt.

          Der "letzte secret-spot" liegt an einer unzugänglichen Felsenküste an der Grenze zu Oregon, und Harmon ist der einzige "Soul-Surfer", der ihn finden und seine haushohen Wogen bezwingen kann. Denn er hat alle legendären "Big Waves" zwischen Bali und Costa Rica geritten, hat Surfbretter nach den geheimen Bauplänen hawaiianischer Könige gezimmert und genug Genie und Wahnsinn, um in bislang unbekannte Dimensionen des Surfens vorzustoßen: geographisch, technisch, körperlich und philosophisch. Der Käpt'n Ahab des Wellenreitens ist eine Legende, und wie alle Legenden hat er seine beste Zeit hinter und einen heroischen Tod vor sich. Ein Hai und eine Gewehrkugel reißen den Besessenen in die Tiefe. In Wahrheit aber stirbt er an Scham und gebrochenem Herzen.

          Denn der mörderische Monomane mit dem Surfbrett vor dem Kopf hat seine Freundin Kendra, eine schizophrene Esoterikerin, allein gelassen. Während sie vom Abschaum der Indianerreservate entführt und vergewaltigt wurde, zog er zusammen mit einem durchgeknallten Jesusfreak und dem abgehalfterten, rheumatischen Surf-Fotografen Jack Fletcher auf der Jagd nach den sagenhaften "Heart Attacks" durch die Küsten- und Nebelwälder: ein beschwerlicher Marsch ins Herz der Finsternis, eine "idiotische Mission" in die ewigen Jagdgründe der Ureinwohner. Am Ende der Welt findet jeder, was er verdient: Drew Harmon den nassen Tod, der ihn vollends zum Mythos macht; Fletcher die Fotos, die ihm seine Selbstachtung zurückgeben, die verwirrte Kendra die Erleuchtung, die sie bei Psychiatern, Gurus und Schamanen nicht fand.

          Weitere Themen

          Inkognito in aller Munde

          Banksy und der Kunstmarkt : Inkognito in aller Munde

          Anfang Oktober wurde ein Gemälde Banksys für eine Rekordsumme versteigert. Doch wie verdient der anonyme Streetart-Künstler sein Geld? Und wie kommt seine Kunst auf den Markt?

          „Parasite“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Parasite“

          „Parasite“, 2019. Regie: Joon-ho Bong. Darsteller: Kang-Ho Song, Woo-sik Choi, Park So-Dam. Kinostart: 17. Oktober 2019

          Topmeldungen

          Donald Trump und Liu He, Vizepremier von China, gemeinsam in Washington. Infolge des Handelskriegs mit Amerika habe die Korruption in Chinas Privatwirtschaft wieder zugenommen, berichtet Philipp Senff von der Wirtschaftsanwaltskanzlei CMS in Schanghai.

          Vorfälle der Deutschen Bank : In China lauert die Korruption bis heute

          Mit teuren Geschenken an chinesische Politiker wollte sich die Deutsche Bank Vorteile verschaffen. Der Fall lenkt den Blick auf ein Land, das trotz Mühen immer noch unter Bestechung leidet – auch wegen des Handelskriegs mit Amerika.
          Andreas Scheuer am Mittwoch in Berlin

          Verkehrsminister Scheuer : Im Porsche durch die Politik

          Verkehrsminister Andreas Scheuer hat einen Vorteil, der ihm beim Streit über die Pkw-Maut zum Nachteil gereichen könnte: eine gewisse Lockerheit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.