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Rezension: Belletristik : Ewig singt der Sumpf

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Alejandro Rossi blickt mit halbgesenkten Lidern auf ein karibisches Fabelreich · Von Paul Ingendaay

          4 Min.

          Wäre dieses Buch vor dreißig Jahren erschienen, dem Autor Alejandro Rossi wäre ein Platz an der Tafel der bedeutenden lateinamerikanischen Erzähler sicher gewesen. Ein Blick ins Impressum zeigt allerdings, daß die "Sechs Geschichten aus dem Hinterland" mit dem Obertitel "Die Flüsse der Vergangenheit" erst 1997 im spanischen Original herausgekommen sind, und man beginnt sich zu wundern. Nicht daß die Texte verstaubt wirkten; sie scheinen nur auf sonderbare Weise aus der Zeit gefallen neben den planen, realistischen, oft auch bedenkenlos dahergeplapperten Büchern der jüngeren Generation - so sorgfältig gebaut und an eine Moderne erinnernd, die in Faulkner und Juan Rulfo ihre Lehrmeister sah, daß man melancholisch werden könnte.

          Alejandro Rossi ist hierzulande bislang völlig unbekannt. Er sei 1932 in Florenz geboren, sagt der Klappentext, italienisch-venezolanischer Abstammung, habe in England, Deutschland und Lateinamerika studiert und lebe "seit vielen Jahren" (was schon fast wie aus einer seiner Erzählungen klingt) als mexikanischer Staatsbürger in Mexiko-Stadt. Im Hauptberuf sei der Autor Professor der Philosophie. Weitere Buchtitel werden nicht genannt, nur daß Rossi mit "seinen wenigen literarischen Veröffentlichungen" in der spanischsprachigen Welt zu einem "zuallererst von Schriftstellerkollegen bewunderten Prosaisten" geworden sei.

          Das glaubt man sofort. Die Wortwahl des Klappentextes ist für Autoren reserviert, die mit ihrer Literatur hoch zielen und eine ganz und gar eigene Vision der Dinge erschaffen, was immer das gemeine Lesevolk dazu sagen mag. Müßig zu erwähnen, daß auch Suhrkamps dickes, doppelspaltiges "Autorenlexikon Lateinamerika" (1994) den frischen Suhrkamp-Autor Alejandro Rossi nicht führt. Jetzt also ist er da, von Gisbert Haefs klingend und anmutig übersetzt; alles wäre gut, wenn Übersetzer und Lektor sich im Deutschen auch einmal zum Irrealis entschließen könnten: als ob das nicht unbäurischer klänge (statt "klingt").

          Wer als Leser Augen im Kopf und einen Funken literarischer Phantasie hat, wird die Atmosphäre dieser Geschichten nicht leicht vergessen. Die Namen der Figuren übrigens wohl, auch das Gerüst der Handlung. Es ist nicht so wichtig, wer hier wen aus dem Abstand von Jahrzehnten erzählend beschwört, besingt, verlacht oder denunziert. Alles nicht von Bedeutung, scheint Rossi sagen zu wollen. Er zeigt uns die Beschaffenheit des Sumpfes, in dem seine Leute stecken, solange sie atmen. Und solange sie reden.

          Denn die meisten der "Geschichten aus dem Hinterland" schildern dieselbe Konstellation: Ein älterer Mann - immer ein anderer, todkrank, zynisch oder jovial - erzählt einem jüngeren von der turbulenten Geschichte seines Landes, eines vergessenen karibischen Kleinstaates, der durch Kazikenherrschaft, Krieg, Folter und Massenerschießungen darniederliegt. Früher nannte man solche Orte "Bananenrepublik".

          Was wir hören, sind Geräusche, nachdem alle Schlachten geschlagen sind, folgenlose Monologe kurz vor dem Ende: Die Älteren reden, weil die Limonade im Schatten sie gesprächig macht, von Höhenflügen und Enttäuschungen, nicht legendentauglichen Kriegstaten und dem betörenden Duft der Frauen; die Jüngeren dagegen hören zu und haben noch weniger zu sagen als Dr. Watson. Ob das Erzählte ihnen überhaupt nützt, erfahren wir nicht.

          Es ist angebracht, bei Alejandro Rossis Schreiben zwischen sofort wirkenden und spät wirkenden Ingredienzien zu unterscheiden. Sofort wirkender Bestandteil seiner Texte ist ein literarischer Kammerton von unerhörter Sinnlichkeit, der immer klar und konzis bleibt, als hätte der Autor eine viel größere Geschichte mit einem unerschöpflichen Hintergrund von Details absichtlich auf die wenigen Seiten heruntergestrichen, die wir lesen. Nicht viele Schriftsteller können sich das erlauben.

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