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Rezension: Belletristik : Eurydike kennt keinen Schmerz

  • Aktualisiert am

Harry Mulischs "Zwei Frauen" Von Sandra Kerschbaumer

          3 Min.

          In der Ferne, von der Rhône her, hört sie manchmal eine Eule. Laura sitzt in einem Zimmer, blickt auf den Papstpalast, und langsam kommt ihr zu Bewußtsein: "Mir ist einiges widerfahren - nicht nur der Tod meiner Mutter." Ein Anfall von Schwäche hält sie auf dem Weg zur Beerdigung in Avignon fest, und dort beginnen ihre Erinnerungen zu kreisen: die lange Nachtfahrt von Amsterdam in den französischen Süden, Bilder und Szenen der Kindheit und immer wieder der Gedanke an Sylvia. Harry Mulisch verknüpft die Handlungsfäden seines Romans leicht und spannungsvoll, und aus dem Gewebe tritt die Liebesgeschichte zweier Frauen hervor. Ende der siebziger Jahre in den Niederlanden erschienen, liegt diese Geschichte nun auch auf dem deutschen Buchmarkt wieder vor, nach zwei kurzlebigen Ausgaben Anfang der achtziger Jahre. Diese Ausgaben kamen wohl zu früh, vor dem großen Interesse an Mulisch, das mit der Übersetzung des Romans "Das Attentat" in Deutschland erst einige Jahre später einsetzte.

          Vor einem Schaufenster in Amsterdam sieht Laura die junge Frau stehen, sie betrachtet ein Schmuckstück, eine Eule aus Gold. "Es war, als ob auf der Straße alles undeutlich geworden wäre und sich verformt hätte, so wie auf gewissen Fotos, als wäre nur das Mädchen in der Mitte scharf geblieben." Laura ist fasziniert von der besonderen Körperlinie des Mädchens, sie fühlt sich an eine ägyptische Hieroglyphe erinnert und spricht die viel Jüngere an. Sie gehen gemeinsam durch die Stadt, zu Laura nach Hause und ins Bett. Etwas später beim Essen ist ihnen bereits klar, daß sie zusammenleben wollen. Während des Sprechens schiebt Sylvia sich ein Stück Fleisch mit kochendem Öl in den Mund, ihre Lippen färben sich augenblicklich weiß. Sie aber reagiert nicht, empfindet keinen Schmerz, und so bleibt etwas an dem Mädchen rätselhaft.

          Die Figuren sind eigenwillig und lebendig, die Sprache bildreich und dennoch schlicht, so etwa wenn Sylvia von ihrer Kindheit hinter dem Deich erzählt, unter "einem schnurgeraden Horizont aus Stein". Aber Mulisch will nicht eine interessante und bildkräftige Geschichte erzählen, er möchte mehr. Das wird spätestens im Theater deutlich, wenn "Orpheus und Eurydike" inszeniert wird, homoerotisch verfremdet, als Geschichte eines Mannes, der seinen Freund aus der Unterwelt zu holen versucht. "Hast du etwas von uns in dem Stück erkannt?" fragt Laura nach der Vorstellung ihre Freundin und macht damit hier, in der Mitte des Romans, klar, daß die Liebesgeschichte gedeutet werden will, nicht nur als Sozialstudie, die registriert, wie die Welt auf die Liebesbeziehung zweier Frauen reagiert, nicht nur als Psychogramm einer Frau, die nach einer Tochter sucht. Die Geschichte geht darüber hinaus und öffnet sich ins Mythische.

          Wie Eurydike gehört Sylvia der Schattenwelt an. Aber sie ist nicht nur mit einer mythologischen Figur verwandt, immer wieder wird Sylvia mit einer Hieroglyphe verglichen oder mit der Nike von Samothrake, einer "weißen, ekstatischen Erscheinung aus einer anderen Welt". Sie verkörpert etwas nicht Faßbares, Mirakulöses, und Lauras Liebe soll die Sehnsucht nach der Annäherung an das Unfaßbare abbilden. Um diese Sehnsucht geht es Mulisch, nicht nur in diesem Roman, auch in vielen seiner Essays. Dort spürt er ihr in mehreren Jahrtausenden und sämtlichen Disziplinen des menschlichen Denkens nach und sieht seine Aufgabe in einer "atheistischen Remythologisierung" der Welt. Diese Idee ist nicht neu; der Wunsch, die Welt zu remythologisieren, zieht sich als Reaktion auf Säkularisierungsprozesse seit zweihundert Jahren durch die Literatur. Schon die Romantik hat reflektiert, daß eine neue Mythologie, von der man weiß, daß sie zu einem bestimmten Zweck und von Dichterhand konstruiert wurde, nicht mehr geglaubt wird wie die alten Mythologien. "Ich kann nicht begreifen, wie eine Mythologie gemacht werden kann", sagt Friedrich Schleiermacher. Mulisch ist kein Philosoph, sondern ein guter Erzähler.

          Sylvia beginnt sich zu entziehen. Sie redet kaum mehr, statt dessen putzt sie wie verrückt, schließlich packt sie und geht: "Nicht einmal ein halbes Jahr hatte es gedauert: Im Februar hatten wir vor der goldenen Eule gestanden." Der Schmerz ist groß, Erinnerungsfetzen beherrschen Lauras Gedanken, die Stadt, die Außenwelt wird zum Spiegel ihrer Empfindungen. Es gelingt Harry Mulisch, und das ist keine Kleinigkeit, eine weibliche Ich-Erzählerin an ihrer Liebe zu einer anderen Frau verzweifeln zu lassen. So ist es gut, daß dieser Roman wieder vorliegt, denn er zeigt einen Autor, der eine Liebesgeschichte und seine Bedeutung im Gleichgewicht hält. Hier sind die Figuren noch nicht so beladen wie im späteren Hauptwerk, in der "Entdeckung des Himmels". Dort lasten nicht nur eine neue Mythologie, sondern sämtliche Probleme des zwanzigsten Jahrhunderts auf den Schultern der Protagonisten.

          Sylvia kehrt zurück, nachdem sie rätselhaft und unbeirrbar ihren eigenen Gesetzen gefolgt ist. Nun passiert, was die Eule, leitmotivisch schon lange andeutet. Das Schicksal vollzieht sich, die Geschichte muß enden wie eine alte Tragödie. "Sie lag halb auf dem Sofa, halb auf dem Boden, wie die hingefallene Nike von Samothrake."

          Harry Mulisch: "Zwei Frauen". Roman. Aus dem Niederländischen übersetzt von Siegfried Mrotzek. Hanser Verlag, München 1998. 182 S., geb., 29,80 DM.

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