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Rezension: Belletristik : Eulogius, die fahrende Guillotine

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Einprägsam, ja unvergeßlich sind die Szenen in der Abbaye de Saint-Germain-des-Près, die Robespierre 1793/1794 als Gefängnis nutzen ließ, wo Aristokraten und Kurtisanen, Girondisten und Cordeliers, der ganze vom Tugendterror der Revolution aussortierte Auswurf miteinander lebt - eine Gesellschaft der ...

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          Einprägsam, ja unvergeßlich sind die Szenen in der Abbaye de Saint-Germain-des-Près, die Robespierre 1793/1794 als Gefängnis nutzen ließ, wo Aristokraten und Kurtisanen, Girondisten und Cordeliers, der ganze vom Tugendterror der Revolution aussortierte Auswurf miteinander lebt - eine Gesellschaft der Gleichen, weil alle die Guillotine erwartet, und doch der Ungleichen, denn unter den Eingesperrten herrschen dieselben Gesetze wie draußen auch: der Wille zur Macht, die Gier der Sinne, das Recht des Geldes.

          Auch Eulogius Schneider hat es in diese Vorhölle verschlagen, einen deutschen Jakobiner, Expriester, Poeten und Philosophieprofessor, der bis zu seiner Verhaftung öffentlicher Ankläger des Revolutionstribunals in Straßburg war, mitverantwortlich für eine Anzahl Todesurteile, die ihm die Beinamen "Marat von Straßburg" und "Blutsäufer des Elsaß" eingetragen haben. Drei Tage vor Danton, im April 1794, wird er guillotiniert. Aus seinem Leben hat Michael Schneider einen spannenden, auf Dokumente und historische Recherchen gestützten Roman gemacht, ein Haupt- und Lebenswerk, denn unverkennbar geht eine zentrale eigene Lebenserfahrung mit ein - die Erfahrung mit der studentischen Rebellion der 1968er und 1970er Jahre, an der Michael Schneider lebhaft, aber schon damals mit prüfender Distanz teilnahm. Am Fall des Eulogius Schneider werden noch einmal die Fragen von damals diskutiert: Ob die Gewalt ein geeignetes, ein notwendiges, ein zulässiges Mittel im Kampf um die Verbesserung der Welt sein könne.

          Drei Jahrzehnte trennten Michael Schneider von den damaligen Vorgängen, drei Jahrzehnte trennen auch seine Erzählerfigur, den Arzt Nepomuk Brenner, von der Zeit der Guillotine. Der Romancier hat sich in Brenner ein Sprachrohr geschaffen. Zugleich aber spricht Anteilnahme auch aus den Tagebuchnotizen, Briefen und inneren Monologen, mit denen sich Eulogius persönlich vorstellt. Zwei Seelen wohnen in Schneiders Brust: die des gutmütigen, ein wenig feigen Nepomuk und die vom Dämon getriebene des Eulogius.

          Faust geistert überall zwischen den Zeilen herum. Aber nicht an Goethe orientiert sich das Buch, sondern an Thomas Mann. "Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn, erzählt von einem Freunde", so lautet der Untertitel von dessen Roman "Doktor Faustus", und "Leben und Kampf des Franziskaners und Jakobiners Eulogius Schneider, welcher auf dem Blutgerüste starb, erzählt von einem Freunde" ist der zweite Untertitel des Romans "Der Traum der Vernunft". Auch den leicht verstaubten Tonfall teilen sich Nepomuk Brenner und Serenus Zeitblom, der Erzähler des "Doktor Faustus". Michael Schneider hat der Versuchung nicht widerstanden, immer wieder fast wörtliche Formulierungen aus dem "Faustus", gelegentlich auch aus dem "Zauberberg", zu übernehmen. Etwas leichtsinnig fordert er damit einen Vergleich heraus, dem er nicht gewachsen ist. Wo Thomas Mann bei aller Quellenabhängigkeit ein stimmiges Kunstgebilde schafft, in dem es "keine freie Note" gibt, kein Detail, das sich über seine historische Richtigkeit hinaus nicht auch künstlerisch rechtfertigen könnte, bleibt Schneiders Erzählerfigur blaß und konstruiert, die epischen Massen verselbständigen sich, das Stofflich-Historische drängt sich in den Vordergrund, das Lehrhafte und Reflektierende springt aus dem Erzählfluß heraus, das Geredete überwiegt das Gestaltete. Entstanden ist ein profund gemachter historischer Roman, aber kein großes Kunstwerk.

          Ein zweites Vorbild mäandert, fast unvermeidlich, durch das Werk: Georg Büchners Schauspiel "Dantons Tod". Alle Fragen, die Michael Schneider an Eulogius Schneider durchexerziert, hat Büchner an Danton schon durchgespielt - Nihilismus und Theodizee, Gewalt und Menschlichkeit, Liebe und Sinnenglück, Liebe und Tod. Die rasante Knappheit der Szenen und Sentenzen bei Büchner steht mahnend am Wege, wenn Eulogius die gleichen Themen viel ausführlicher diskutiert, ohne daß ein höherer Erkenntnisertrag herauskäme.

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