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Rezension: Belletristik : Etwas Lebiges muß hinein

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Im Norddeichradio war vor der Jahrhundert-Sturmflut gewarnt worden. Aber Hauke Haien wollte sein Lebenswerk nicht im Stich lassen. Als Bürgermeister eines Nordseekaffs hatte er das Geld nicht in schöne Fassaden für den Tourismus, sondern in den Küstenschutz gesteckt. Während der Sturmnacht fuhr er mit dem Jeep raus zum Deich - und sah ihn brechen.

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          Im Norddeichradio war vor der Jahrhundert-Sturmflut gewarnt worden. Aber Hauke Haien wollte sein Lebenswerk nicht im Stich lassen. Als Bürgermeister eines Nordseekaffs hatte er das Geld nicht in schöne Fassaden für den Tourismus, sondern in den Küstenschutz gesteckt. Während der Sturmnacht fuhr er mit dem Jeep raus zum Deich - und sah ihn brechen. Als wäre das nicht genug, mußte er noch erleben, wie just in diesem Moment ein Wagen herankam: der Mustang seiner Frau Elke! Warum war sie nicht im sicheren Haus geblieben? Nun hatte sie keine Chance gegen die hereinbrechenden Wassermassen. In finaler Verzweiflung stürzte Haien sich selbst in die Fluten. Dat is de Dod, de allens fritt.

          Unermüdlich trabt der "Schimmelreiter" noch heute durch die gymnasiale Mittelstufe, fast jeder kennt die Novelle, sie gehört zum Restbestand von drei bis fünf Reclambändchen, die der Allgemeinheit vom deutschen Realismus des neunzehnten Jahrhunderts geblieben sind. So bietet sie sich förmlich an für ein aktualisierendes Remake: Wie Goethes "Werther", den Ulrich Plenzdorf vor dreißig Jahren als Leidensmenschen in den zementgrauen DDR-Alltag versetzte, entstammt sie einer ferngerückten Epoche, so daß sich reizvolle Verfremdungseffekte ergeben können. Trotzdem ist der Text noch vertraut genug, daß ein größeres Publikum in den Mitgenuß solcher Wirkungen und Effekte kommt.

          Mit ihrer cleveren Romanidee haben sich die Debütanten Andrea Paluch und Robert Habeck einige Aufmerksamkeit gesichert. Im Gegensatz zu Plenzdorf verfolgen sie keine gesellschaftskritischen Absichten; das junge Flensburger Autorenduo möchte ein Stück spannender Unterhaltung mit dem doppelten Boden der Intertextualität bieten: auch nicht wenig. So verwandeln sie den "Schimmelreiter" in einen Thriller, was er im Grunde immer schon zur Hälfte gewesen ist. Die Novelle beeindruckt seit je durch ihre unheilschwangere Atmosphäre, zu der die grandios beschriebene, so schöne wie menschenfeindliche Natur das ihrige beiträgt. Es mangelt auch nicht an Spukhaftem und Mysteriösem; Paluch/Habeck brauchten sich nur zu bedienen. Und die ungeschliffenen Küsten-Charaktere bieten sich erst recht für eine Kriminalhandlung an. Schon bei Storm sind die Rivalitäten der rauhen Männer manchmal nicht mehr fern von der Mordlust. Der barsche Hauke Haien, dieser Ahab vom Wattenmeer, schafft sich durch Ehrgeiz, Machtwillen und Vermessenheit viele Feinde.

          Aber nicht er selbst steht im Zentrum von "Hauke Haiens Tod"; die Handlung spielt fünfzehn Jahre nach der Katastrophe. Die Hauptfiguren sind Iven Johns (bei Storm der Knecht Haiens), der sich in den letzten Jahren als Tankwart und Nachtclub-Türsteher in Hamburg durchgebracht hat, und die neunzehnjährige Wienke, die behinderte Tochter des Deichbauers. Im Original kam sie mit der Mutter um, hier ist sie von Iven Johns gerettet worden und in einem Pflegeheim aufgewachsen. Eines Tages steht sie unvermutet vor Johns Tür, um mit seiner Hilfe ihre Herkunft zu klären: "Bring Wienke dahin, wo ihre Eltern ertrunken sind", bittet sie, bis der Mann mit ihr an den Ort des Schreckens zurückkehrt.

          Das halb debile Mädchen und der Holzkopf ohne Hauptschulabschluß: Es sind nicht gerade geistsprühende Protagonisten, denen der Gang der Handlung anvertraut wird. Aber die kommunikationsschwachen Charaktere erschließen sich im Geschehen. Tatsächlich erzielt der Roman mit den minimalen Mitteln schlichter Gemüter vergleichsweise große Effekte; beim Leser erreichen die beiden unheldischen Helden passable Sympathiewerte.

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