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Rezension: Belletristik : Es wird immer dunkler

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Die irre Theaterwelt des Peter Turrini / Von Sibylle Wirsing

          5 Min.

          Die Müllhalde war für den Film von Vittorio de Sica und Visconti entdeckt und in Pasolinis "Accatone" zur Musik aus Bachs Matthäuspassion verherrlicht worden. Auf der Bühne setzte ihre verspätete Karriere Anfang der siebziger Jahre mit den Scheinwerferlichtern eines näher kommenden Autos ein und einem Krachen, als die Räder über einen im Weg liegenden größeren Gegenstand hinwegfahren. Eine Frauenstimme sagt: "Heasd, pass auf, du hosd an Kindawogn übafoan. Hosd as ned grochn gehead?" Und eine Männerstimme antwortet ihr: "Des woa 's Kind in Kindawogn."

          Das englische Theaterstück, das die Steinigung eines Babys im Kinderwagen vorgeführt hatte, konnte vorausgesetzt werden: "Gerettet" von Edward Bond. Zu der zeitgenössischen Instandsetzung des realistischen Dramas, um die es ging, trug der Kärntner Handwerkersohn Peter Turrini aus Maria Saal die phänomenale Örtlichkeit bei, die er mit seinem Stück "Rozznjogd" eröffnete und mit der hautnahen Sprache auf Anhieb kennzeichnete: "Pfui Teifl, do stingds." Die beiden Personen namens Er und Sie, die sich dorthin zum Schmusen zurückziehen, geraten in ein intimes Zwiegespräch, lüften ihre Masken, tun sämtliche Verkleidungsstücke ab und erleben die Befreiung vom sexuellen Zynismus, müssen aber im selben Moment sterben. Der Uraufführung am Wiener Volkstheater folgte die Kettenreaktion der Inszenierungen und Übersetzungen bis hin zur Wiederaufnahme durch die jungen Bühnen von heute, denen Turrini die Anpassung des Oldtimers an ihre veränderte Wirklichkeit freistellt.

          Turrinis Zusammenschluss mit der Wiener Burg vollzog sich wie bei Thomas Bernhard, Peter Handke und George Tabori während der Peymann-Ära, an deren Ende er den scheidenden Intendanten fragte: "Brauchen Sie nicht einen Portier am Berliner Ensemble?" Sein Stufendrama "Tod, Auferstehung und Verklärung des Claus Peymann", das die Abfahrt des Titelhelden aus Wien in einen Staatstrauerfall umwandelt, stammt vom März dieses Jahres und bildet nun das Schlussstück innerhalb einer dreibändigen Werkschau, die bis 1967 zurückreicht.

          Zu Füßen des dramatischen Massivs, dessen erstes Gipfelpaar die Dialektstücke "Rozznjogd" und "Sauschlachten" sind und dessen späte Überhöhung den Titel "Alpenglühen" trägt, breitet sich Österreichs Landschaft aus, die als touristische Bananenrepublik und als Operetten- und Festspielarena vorgestellt wird. Turrinis schöpferische Arbeit in der Einsamkeit und seine rhetorische Lehrtätigkeit auf dem Marktplatz greifen ineinander wie das Theater und die Moral. In diesem Sinn wird der Stoff von den Lesebüchern anschaulich gegliedert. Die Begleittexte dokumentieren zu jedem Stück den Skandal, den es hervorrief.

          Im frühen Drama "Sauschlachten" (1972) büßt Volte, der grunzende Bauernsohn, seinen Rückzug aus der Sprache mit dem Leben. Vater, Mutter und Bruder fallen über ihn her, die ganze Familie, verstärkt durch die Magd und den Knecht und ermuntert von der Elite des Dorfes, Pfarrer, Lehrer, Anwalt und Arzt. Zunächst wird seine Herabwürdigung zum Tier auf offener Bühne in Gang gesetzt, dann akustisch seine Schlachtung im Off vollzogen. Bei der Uraufführung im Werkraum der Münchner Kammerspiele kam aus dem Publikum der Ruf: "Schlachtet doch lieber den Autor!" Turrinis späterer Kommentar gibt das Motiv der theatralischen Orgie preis: "Ich bin das Kind eines italienischen Gastarbeiters. In der österreichischen Provinz herrschte nach dem Krieg noch immer der Geist des Nationalsozialismus. 25 Jahre später habe ich mir mit dem Theaterstück ,Sauschlachten' alle diese Schmerzen von der Seele geschrieben."

          Die Außenseiter sind in seinen Stücken die Regel: die Armen, die Alten, die Krüppel, die Versager, die Boheme und der liebe Gott. Der Nachtwächter und die Putzfrau, die im Weihnachtsspiel "Josef und Maria" hinter den geschlossenen Pforten eines Warenhauses zusammentreffen, dürfen beim Anbruch der Heiligen Nacht ihre einsamen Körper und Seelen vereinen; und im Höhendrama "Alpenglühen" kommen sich der Blinde und die Vagabundin wenigstens vorübergehend unter der Vortäuschung nahe, sie seien die Hauptdarsteller in der Tragödie von Romeo und Julia. Insgesamt wiegen die verstreuten Glücksmomente aber den Schimpf und die Schande der Paria-Existenzen nicht auf. Das Abseits ist ihr Schicksal.

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