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Rezension: Belletristik : Es ringelt sich ein Gedicht

  • Aktualisiert am

Thomas Kling schreibt klein Von Harald Hartung

          Noch Gottfried Benn konnte meinen, das moderne Gedicht sei primär Schrift, schwarze Letter auf weißem Grund. Vorlesen galt ihm als magerer Ersatz. Heute stellt sich das Problem anders. Bei mehr oder minder spektakulären Auftritten versuchen Poeten, das Gedicht in der Konkurrenz der Medien zu behaupten. Lyrik ist damit auch eine Sache der Stimme, ja des Körpers geworden. Wird das Gedichtbuch demnächst durch die Lyrik-CD, den Lyrik-Clip ersetzt? Werden die "Slam Poets" und die "Spoken-Word-Gemeinden" den schreibenden Dichter und das lesende Publikum verdrängen?

          Das sind Fragen, die gegenwärtig durch die etwas schüttere Lyrik-Diskussion geistern. Doch noch immer erscheint das meiste an ernstzunehmender Lyrik in Druck und Buch, hängen Ruf und Ruhm der Dichter von den traditionellen Medien ab. Andererseits gibt es ja Dichter wie Ernst Jandl oder Oskar Pastior, die faszinierende Vorleser sind. Warum also nicht die Sache gleich vom Mündlichen her aufzäumen? Vor allem unter den jüngeren Autoren scheinen sich alte Prioritäten zu verkehren.

          Star dieser experimentellen Lyrikszene, inzwischen schon selber schulbildend geworden, ist Thomas Kling, heute ein Mann Ende dreißig. Anfang der achtziger Jahre sensationierte er die Zuhörer durch seine ersten Auftritte, und noch immer wirken seine Lesungen mit ihrer weiten Skala zwischen Brüllen und Flüstern, Ekstase und Ironie wie die einzig authentischen Interpretationen der Sprach-Partituren seiner Gedichtbücher. "erprobung herzstärkender mittel" war 1986 sein Debüt, "brennstabm" von 1991 zeigt seine Schreibweise voll entwickelt. "morsch" ist bereits sein fünfter Gedichtband. Was verrät er uns über die Entwicklung des Autors - was über die Frage von Schrift und Laut?

          Thomas Kling hält seine Dialektik von Schrift und Rede auch in den neuen Gedichten offen. Zunächst schon typographisch durch die Beibehaltung einer quasi phonetischen Schreibweise mit ihren Kontraktionen und Eliminierungen, wie sie von Anfang an zu Klings "Sprachinstallationen" gehört. Wir lesen, was wir hören: ,SELEKTIERENDE ANLAGN: gesichzkreis, / im nahbereic' fahndnde augn." Freilich gibt es in dem neuen Buch auch Zeilen, die - abgesehen von der obligaten Kleinschreibung - völlig ohne "schrifterosionen" auskommen. Daß Klings Welterfahrung vor allem oral und auditiv vermittelt ist, demonstriert schon das Eingangsgedicht "Manhattan Mundraum", das die Stadt als Kosmos von Sprache und Geräusch auffaßt. Darin das entscheidende Organ: "dies ist die organbank von manhattan. seht / ihre zunge: geschwärzter eingeschwärzter o-ton." Auch im Schlußzyklus, in "romfrequenz", ist es die Lingua, die ihn interessiert: "dies abgekochte rom; dem geben wir, zart, / seine zunge zurück, di wächst rom zwischen / den zähnen heraus."

          Aber in allen Texten Klings gibt es ein kaum minder starkes gegenläufiges Moment, das Motiv der Schrift. Die älteste etruskische Schrift - so zitiert er Mommsen - kenne die Zeile noch nicht und winde sich "wie die schlange sich ringelt". Damit möchte auch etwas vom Ideal unseres Lyrikers getroffen sein. Wie Klings Zeilen sich ringeln und winden, wie er mit Enjambements, mit Sprüngen und Zersplitterungen umgeht, virtuos, auch manieriert, das wird man kaum hören, man muß es schon nachlesen. So holt die Schrift den Dichter ein. Oder mit einer Formulierung von Reinhard Priessnitz, die einmal als Motto erscheint: "die rede, die in schrift flieht, / kein entkommen." Auch die "KLING-GEDICHTE" zeigen die Schrift, den festen Buchstaben als Zufluchtsort.

          "morsch", der Titel des Bandes, könnte Befürchtungen in bezug auf die Haltbarkeit erwecken. Aber der Klappentext verweist darauf, daß nicht bloß das Brüchige und Zerfallende von Sprache gemeint ist, sondern auch die Potenz des "Mörsers" und die Nützlichkeit des "Mörtels". In den neuen Gedichten überwiegt der Mörtel, das Konstruktive. Deutlicher noch als früher benutzt Thomas Kling Themen und Elemente der Tradition. Der Zyklus "vogelherd" versteht sich als eine Folge von "microbucolica". Und hinter den Kürenberger und Vergil geht Kling noch weiter zurück. Die wenigen Zeilen von "sapphozuschreibun'. nachtvorgang" erweisen sich als Paraphrase von Sapphos wunderbarem Fragment, dessen Anfang Herder so wiedergab: "Der Mond ist schon hinunter, / Hinab die Siebensterne".

          Und da schon Natur und Eros angespielt sind, möchte ich sagen, daß der Leser, den Klings Virtuosität zumeist auf Distanz hält, Zeilen findet, aus denen Zartheit und Zärtlichkeit sprechen. So gibt es in dem bukolisch getönten Text "stimmschur" Verse, die eine erotische Situation zeichnen: "in nässe zungnredn, eindringlicher gesang, das / is doch nich zu laut oder?" Nein, das ist nicht zu laut. Nicht immer also hält sich Kling an die Bennsche Maxime, das Material "kalt" zu halten. Mir scheint: nicht zum Nachteil seiner Leser.

          Thomas Kling: "morsch". Gedichte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1996. 112 S., geb., 30,- DM.

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