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Rezension: Belletristik : Es klappert der Zaun, aus ist der Traum

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Alles echt irisch: Patrick McCabe besucht eine Stadt an der Grenze / Von Martin Halter

          4 Min.

          Zwar ist die Grüne Insel längst zum dynamischsten Standort der Europäischen Union gereift. Aber je zurückgebliebener und gottverlassener die Gegend, je verkommener die Slums, je gewalttätiger die grenznahen Niemandsländer, die sie beschreiben, desto erfolgreicher sind derzeit - auch bei uns - Romane und Theaterstücke aus Irland. Bühnen und Verlage pflegen die "Authentizität" dampfender Erde, melancholischer Säuferbarden und frommer Terroristen. Patrick McCabe, der seit seinem "Schlächterburschen" - zumindest bei Neil Jordan, dem Regisseur der Verfilmung - als "führender irischer Romanschriftsteller seiner Generation" gilt, zeigt in seinem bereits 1989 publizierten Romandebüt freilich noch nicht die Pranke des Gesellschaftslöwen, sondern nur ein soziologisches Pfötchen. "Stadt an der Grenze" entwirft ein behäbiges Kleinstadtpanorama, wie wir es aus dem russischen Roman des neunzehnten Jahrhunderts kennen; seine Sozialkritik und sein sentimentaler Realismus halten sich im melodramatischen Rahmen.

          Mit der Eisenbahn ist Carn - alias McCabes Heimatstadt Clones - 1958 vollends von der Moderne abgekoppelt worden, die ohnehin nie recht in dem Kaff im Norden der Grafschaft Monaghan angekommen war. Die Grenze zu Nordirland ist nur eine halbe Meile entfernt, Europa und das, was man sich unter dem Leben vorstellt, um so ferner. Die Mädchen - es ist jetzt ein paar Jahre später - träumen vom pfeifenrauchenden Sportwagenfahrer, den sie aus Schnulzenromanen, von Elvis oder der Lollo, die sie aus den Filmen kennen, die der Pfarrer von der Kanzel herab verdammt. Die Männer erbauen sich an der Glückssträhne der Carn Rovers, im Pub oder im Puff, wo noch das Herz-Jesu-Lämpchen brennt. Wenn die Landjugend nicht gerade auf der Kawasaki nach Katmandu oder Amsterdam aufbricht, neckt sie den "Morgan den Scheißer" oder ergibt sich landes- und zeittypischen Ekstasetechniken, Guinness und Joints.

          Das Woodstock von Carn heißt gut gälisch "Fleadh Cheoil". Statt Jimi Hendrix treten hier Balladensänger mit Bierwampe auf, und Wildlederstiefel mit Plastikeinsatz oder die eher selbstgestrickten Aran-Pullover gelten als der letzte Schrei. Die Helden der IRA gehören zur Folklore, der bewaffnete Patriotismus zu den aufregendsten Formen des Zeitvertreibs. Aber wenn die bramarbasierenden Veteranen des irischen Freiheitskampfes dann einmal eine Bombe zünden oder einen "Verräter liquidieren" wollen, geht es garantiert fürchterlich schief. Nach getaner Sünde geht man zur Beichte oder denkt an Suizid.

          Daß eines Tages der Emigrant James Cooney als gemachter Mann aus Amerika zurückkehrt, um seine Heimat mit Fabriken, dem "Turnpike Inn" und einem Ballsaal zu beglücken, kann die lähmende Tristesse nur vorübergehend vertreiben. Zwar halten in seinem Gefolge englische Freaks und ein "Yankee Doodle Burger House" Einzug, und auch im Fernsehen lösen "Dallas" und "Denver" die traditionelle "Coronation Street" ab. Allein, die Blütezeit währt nur kurz, und nur zu bald versinkt das Nest wieder in seinem Dornröschenschlaf. Die wilden Gründer- und Kampfjahre mit ihrer flackernden Hektik und Leidenschaft, die "Ticktack-Tage von Carn", gewährten den Träumern und Dorfdeppen nur eine Gnadenfrist. Am Ende werden die Uhren wieder angehalten, "und kein Fitzelchen können wir daran ändern".

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