https://www.faz.net/-gr3-31ov

Rezension: Belletristik : Ermittlung zu Babel

  • Aktualisiert am

Dieser Roman zieht die Paradoxa aus seinen Selbstverständlichkeiten wie ein Zauberer Kaninchen aus Zylindern: "Motherless Brooklyn" ist der Familienroman eines Waisenjungen, das Sprachkunstwerk eines Sprachgestörten und ein harter Krimi, der dennoch in der Tradition klassisch modernen Erzählens zwischen ...

          5 Min.

          Dieser Roman zieht die Paradoxa aus seinen Selbstverständlichkeiten wie ein Zauberer Kaninchen aus Zylindern: "Motherless Brooklyn" ist der Familienroman eines Waisenjungen, das Sprachkunstwerk eines Sprachgestörten und ein harter Krimi, der dennoch in der Tradition klassisch modernen Erzählens zwischen Djuna Barnes' "Nachtgewächs" und Joyce' "Dubliners" steht.

          Der 1964 in Manhattan geborene Jonathan Lethem besitzt alle Voraussetzungen, eine wichtige Stimme zwar nicht seiner Generation, aber doch eines Segments der amerikanischen Gegenwartsliteratur zu werden, das im Augenblick von Joyce Carol Oates über Stephen King bis zu Chuck Palahniuk, dem Autor der Romanvorlage zu dem Film "Fight Club", Angehörige mehrerer Generationen in sich aufgenommen hat: das Phantastisch-spekulative.

          Die Phantastik scheint kulturgeschichtlich derzeit an die visuellen und interaktiven Medien gefesselt. Filme und Computerspiele bieten visuelle Schocks, die mit Worten schwer zu überbieten sind. Lethem besinnt sich da auf eine alte Tugend der phantastischen Literatur: die Anmut erzeugende, weil unabgeschlossene, ins Unendliche weisende Reflexion samt ihrer Begleiterinnen Witz und Ironie. Lethem, Sohn eines prototypisch bohemistischen Elternpaars (Maler, Hippies, Rockfans, Universitätslehrer), behandelt gerade die Popkultur, von Krimis bis zum Hip-Hop, nicht als staunenswert unschuldiges Reservoir wirkmächtiger Bilder, sondern als zweite Natur, bei deren Verarbeitung zu Texten man sich keinesfalls weniger Mühe geben darf als der Lyriker der Vergangenheit beim Schildern betauter Wiesen.

          Der Kriminalfall, den der Ich-Erzähler aufzuklären (oder zügig immer involvierter zu verwirren) berufen ist, scheint simpel: Sein Mentor, ein Teilzeit-Mafioso und spendabler Aufschneider namens Frank Minna, der im multiethnischen Brooklyn einen dubiosen Observierungs- und Transportservice betreibt, wird nach einer fehlgeschlagenen Überwachung verstümmelt und blutüberströmt in einem Müllcontainer gefunden. Lionel Essrog, der Erzähler, und sein Kollege, der vierschrötige und tumbe Gilbert Coney, bringen ihren Boß ins Krankenhaus, reißen unterwegs ein paar Witze, und wer Quentin Tarantinos Film "Reservoir Dogs" gesehen hat, weiß bereits, daß dieses flapsige Daherreden und gleichzeitige Baden in Blut eine Sterbeszene einrahmt, deren Pathos gerade in der Vermeidung jeglicher Form von Pathos liegt.

          Frank Minna stirbt im Krankenhaus. Sein Angestellter Lionel und dessen drei Kollegen, die "Minna Men" Gilbert, Tony und Danny, sind zum zweiten Mal in ihrem Leben gezwungen, sich ohne väterlichen Beistand durchzukämpfen - Ende der siebziger Jahre hatte Minna die vier im örtlichen Waisenhaus rekrutiert. Sie sind ein quasimythisches Team, das in seiner Rollenstruktur die möglichen Personae der großen weißen amerikanischen Männerimago so perfekt abbildet, wie die Gruppe Löwe, Blechmann und Vogelscheuche die idealen Begleiter der kleinen Dorothy im "Zauberer von Oz" waren: Tony, der unsichere und darum großmäulige Italoamerikaner, Gilbert, der treuherzige Macho und loyale Freund, Danny, der "weiße Neger" im Sinne Norman Mailers (er liebt Basketball, hört als erster an seiner Schule die Sugarhill Gang und grüßt mit "Yo!"), und schließlich Lionel Essrog selbst, die "Freakshow", wie Minna ihn tauft.

          Denn Lionel, aus dessen Perspektive der Leser die Ereignisse beim Übereinanderstürzen beobachten darf, leidet am Tourette-Syndrom, einer Störung des Zentralnervensystems, bei der zwanghafte Verhaltensmuster wie Streicheln von Leuten oder permanentes Ordnen von Gegenständen, manische Logorrhöe und beleidigende Ausbrüche wie ein unerwünschtes Pfingstwunder über die Befallenen kommen. Die Krankheit, wie Lethem sie schildert, ist ein extrovertiertes Komplementärleiden zum Autismus: Mitteilungs- und Handlungsdrang bedingen eine Vereinsamung, die sich neben der von "Rain Man" allemal sehen lassen kann.

          In der Umkehrung dieser Beschreibung liegt eine weitere Paradoxie des Romans: Die Krankheit stellt als permanentes Sprach-Erregungsmovens zugleich die Mittel bereit, sich mit ihren Folgen zu arrangieren. "Haben Sie bemerkt", wendet sich Essrog einmal in einem seiner zahlreichen Durchbrüche durch die "vierte Wand" zwischen Personen und Publikum an den Leser, "daß ich alles auf mein Tourette zurückführe? Genau, Sie haben es erraten, ein weiterer Tic. Zählen ist ein Symptom, aber Symptome zählen ist auch ein Symptom, ein Ticplusultra. Ich habe Meta-Tourette."

          Weitere Themen

          Mit dabei oder tot

          Video-Filmkritik: „The Irishman“ : Mit dabei oder tot

          Revision der Geschichte oder Abgesang? Martin Scorseses Film „The Irishman“ zeigt die Mechanik der Macht – der Mafia und aller Institutionen, die unter ihrem Einfluss standen.

          Topmeldungen

          Eskalation in Hongkong : Jagdszenen auf dem Campus

          Die Universitäten in Hongkong geraten zum Kampfgebiet. Das stellt die Hochschulleitungen vor eine Zerreißprobe. Sollen sie sich hinter ihre Studenten stellen? Oder auf die Seite der Polizei?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.