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Rezension: Belletristik : Erkenne die Lage

  • Aktualisiert am

Gedichte von Hans Magnus Enzensberger · Von Lothar Müller

          6 Min.

          In seinem Abgesang auf die siebziger Jahre, dem Gedichtband "Die Furie des Verschwindens" (1980), ließ Hans Magnus Enzensberger jemanden von sich sagen, seine Lieblingsdroge sei die Aufmerksamkeit und seine Moral bestehe darin, "nicht zu ermüden". Dann schwieg der Lyriker eine zeitlang und ließ dem Essayisten den Vortritt. Jetzt hat er nach der "Zukunftsmusik" (1991) und dem "Kiosk" (1995) seinen dritten Band mit Gedichten aus den neunziger Jahren veröffentlicht und damit eine Trilogie der Wachheit abgeschlossen, die allem Kokettieren mit Fin de Siècle-Stimmungen die kalte Schulter zeigt. Sie überspringt die vorige Jahrhundertwende mit ihren Apotheosen der Müdigkeit und des heillosen Erschöpftseins, um als ihren Schlusspunkt einen Untertitel zu setzen, der seine Herkunft aus der Aufklärung des achtzehnten Jahrhunderts nicht verleugnet: "Moralische Gedichte". Freilich stammt der kategorische Imperativ, dem sie verpflichtet sind, nicht von Immanuel Kant, sondern von Gottfried Benn: "Erkenne die Lage."

          In Enzensbergers Kehraus dieses Jahrzehnts spielt die Chronik der Ereignisse nur eine Nebenrolle. Aber in strenger Auswahl, in Abbreviaturen und Anklängen sind sie anwesend. Durch ein kleinen Lobgesang auf den Schneepflug hallt, verstärkt von der Vorstellung, er sei ausgeblieben, das Echo fast schon wieder vergessener Lawinen. Wie ein Kinderrätsel, bei dem das gesuchte Wort nur in Umschreibungen genannt werden darf, kommt ein Gedicht mit dem Titel "Das, was vorher war" daher. Man kann es als Kommentar zum Streit zwischen Martin Walser und Ignatz Bubis lesen: "Daß es niemand verstehen kann, / dabei wird es bleiben. / Es soll welche geben, / die es nicht mehr hören können. / Der eine oder andre / bestreitet es einfach. / Die meisten glauben, / es sei vorbei." Am Ende steht der Befund, dass "es" kein Ende nimmt. Aber nicht dies ist der Kern des Gedichts, sondern der Versuch, der Beschädigung eines Wortes durch seine Aussparung entgegenzuarbeiten.

          Nicht nur wegen solcher Verdichtungen wird jeder, der sie erlebt hat, die Bundesrepublik der neunziger Jahre in Enzensbergers Zeilen wiederfinden, sondern auch wegen ihrer Mimikry mit dem atmosphärischen Grundrauschen dieser Zeit. Weil die großen Gedankengebäude längst eingestürzt sind, wird sie kaum mehr zum Gegenstand poetischer Ideologiekritik. Weniger ihre Parolen als ihre Stimmungen sind hier eingefangen. Hier wie in den vorangegangenen Bänden finden die entscheidenden Niederlagen nicht im Parlament, sondern im Abflugterminal oder Fitnesscenter statt. Nicht die Thesenanschläge, sondern das Kleingedruckte in den Versicherungsverträgen ist entscheidend.

          Geradezu obsessiv taucht das Phantasma einer plötzlichen Unterbrechung der unablässigen Zirkulation auf, des Umschlags hochkomplexer Ordnung in die elementare Katastrophe, für deren Auslösung eine Minimalabweichung ausreicht. Einmal fällt die Formel dieser Umschlagsstimmung: "panische Stille". Gedichte wie das vom Kosmologen, dessen Gleichungen unversehens im Zahnschmerz zerschmelzen, sind ganz auf solche Schrecksekunden hin pointiert. Manche dieser Inszenierungen des Schwarzwerdens vor den Augen wirken wie alte Bekannte, sind Reprisen oder Variationen eines erprobten Musters. Es gibt zudem Nachträge zum längst errichteten "Mausoleum", dieser dunkle und zweideutig schillernden Ahnengalerie der Entdecker, Erfinder und Märtyrer des Fortschritts, so das Porträt des Mathematikers John von Neumann.

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