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Rezension: Belletristik : Erinnerung ist grün

  • Aktualisiert am

Douglas Coupland stellt den Wecker leise

          3 Min.

          Douglas Coupland, der Barde der "Generation X", hat einen Grad von Prominenz erreicht, der den Buchtitel gleichgültig werden läßt - "der neue Coupland", das sagt alles. Nichts hingegen sagt der Titel der deutschen Ausgabe, "Amerikanische Polaroids". Obwohl das Buchformat quadratisch ist und die Texte - es handelt sich um Reportagen und Storys aus den frühen neunziger Jahren - mit Schwarzweißfotos durchsetzt sind, die zu verblassen scheinen, indes man draufschaut. Die meisten dieser Texte verblassen schon bei der Lektüre, besonders die "Postkarten" aus Vancouver, Ostberlin, Palo Alto, Los Alamos und so weiter. Aber indem sie verschwinden, legen sie das Muster frei, das sie strukturierte. Man könnte es das vergebliche Verlangen nach Geschichte nennen: "Geschichte ist cool."

          Die Personen, von denen Coupland berichtet, sind ohne Erinnerungen. Die Eltern waren Hippies; deren Welt, die der Sixties, wirkt heute wie ein Disneyland, aus dem nur noch Relikte in die Gegenwart hineinragen, zum Beispiel die Greatful-Dead-Konzerte, von deren Besuchern der erste Teil des Buches erzählt. Was gab es sonst noch? Marilyn Monroe, Charles Manson, Andy Warhol. Und weiter? Todd hat verschwommene Bilder von Bienenkorbfrisuren und dem Mondspaziergang im Kopf. Amy denkt an Flower Power und Nouvelle cuisine. Irgendwann in legendärer Vorzeit, so kann man erschließen, gab es einen Big Bang: die Atombombe. Und vor etwa zehn Jahren muß es gewesen sein, als eine Art Sturmflut über das Land ging: Das Fernsehen und die Computer ergriffen Besitz von ihm und löschten aus, was einstmals persönliche Identität, Erinnerung, Geschichte war.

          Solche Gedanken, die Coupland früher der Generation X zusprach, werden hier fast der ganzen amerikanischen Nation unterstellt. Vor allem die gereizte Reaktion auf die Vergangenheit. Manchmal schlägt sie um in die "Sorge, daß etwas Kostbares, für das es keinen Namen gibt, langsam in Vergessenheit gerät - das Wissen um die Formel für den unsichtbaren Kitt, der die Nation zusammenhält . . ." Was sind die Ingredienzien dieses Kitts? "Die Lieder, die wir als Kinder sangen? Die Gründerväter, die die Wände unserer Klassenzimmer zierten? Der Drang, Landbesitz zu kaufen und zu verkaufen? Urlaub in Florida? Campbell's-Suppe?"

          Was immer es sei: die Massenamnesie rafft es dahin. Was bleibt, ist eine Gesellschaft, die im Namen der Natur völlig künstlich ist, Tofu auf Styropor. Ihr Porträt zeichnet Coupland im letzten und besten Text des Bandes, "Notizen aus Brentwood". Sie entstanden 1994, ein paar Monate nach dem Mord an Nicole Brown Simpson und Goldmann, dessen O. J. Simpson beschuldigt wurde, und am 32. Jahrestag des Todes von Marilyn Monroe in ihrem Brentwooder Haus, das etwa zehn Minuten von dem Haus Simpsons entfernt liegt - dort, wo Julie Andrews, Gary Cooper, Joan Crawford, Clark Gable, Judy Garland, Gregory Peck, Michelle Pfeiffer, Meryl Streep, Shirley Temple und manche andere Berühmtheit wohnten oder wohnen. Es ist ein Ort der Legenden, nicht der Erinnerungen, und Coupland arbeitet mit an der von ihm beklagten Geschichtslosigkeit, indem er Brentwood förmlich aus dem Starkult, der neuen Monroe-Doktrin, ableitet.

          Etwa so: "Nach der Autopsie war das Haar der Monroe mit Formaldehyd getränkt und unfrisierbar. Man borgte bei Fox auf unbestimmte Zeit eine Perücke aus. Es bedurfte ungeheurer Mengen von Make-up, um ihre blau angelaufene, ehemals helle Haut wieder weiß zu bekommen. Sie wurde in einem limonengrünen Pucci-Kleid mit einem limonengrünen Schal um den Hals begraben. Grün ist in Brentwood immer noch eine dominante Farbe / Eukalyptus / Tenniscourt / Straßenschilder . . ."

          So wird Brentwood, der Wohnort der Stars, unter Couplands fasziniertem Blick zum Prototyp einer Gesellschaft, die "vampirisch" von ihren Legenden lebt. Charisma ist gefährlich, das zeigt das Los der Monroe. "Am Ende schien es, als hätte sie sich zu sehr bemüht, vor einem Nichts eine hübsche Fassade zu errichten. Ihr Körper war zu einer Belastung geworden. Sie war postprominent. Sie war die erste; JFK vielleicht der zweite; Elvis der dritte." Postprominenz steht für die Informationsüberflutung, die Auslöschung der Privatsphäre und, so können wir heute hinzufügen, die rachedurstigen Starr-Allüren. Sie führt zu jenem Doppelmord, der das "Unsichtbarkeitsgelöbnis" von Brentwood gebrochen und die betreffende Straßenecke auf hundert Jahre zur Touristenattraktion gemacht hat - zur zweiten neben dem Grab der Monroe, dem einzigen auf dem Friedhof, dessen Marmorplatte dank ständiger Devotionen speckig glänzt.

          Und Coupland poliert mit an diesem Glanz. Rückblickend, sagt er, erscheine das, was 1994 in Brentwood geschah, "unvermeidlich", es sei "ein Zusammenprall von Ruhm und Paranoia und Sehnsucht und Körpern und Geld und Macht - und Rasse und Verdrängung und Medienüberflutung und all dem, was Ende des zwanzigsten Jahrhunderts zur Maschinerie des Lebens gehört". Kurz: ein Crash des Alltags selbst. Denn der Alltag ist die Legende in Couplands Welt. KARL MARKUS MICHEL

          Douglas Coupland: "Amerikanische Polaroids". Aus dem Amerikanischen übersetzt von Tina Hohl. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1998. 224 S., 42 Abb., geb., 44,90 DM.

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