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Rezension: Belletristik : Erinnern oder vergessen, was ist schlimmer?

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Orientierungslos. Betrogen. Bestohlen. Verraten. Fremd. Heimatlos. Allein. Im Stich gelassen. Ausgestoßen." So deprimierend hoffnungslos schildert der junge Journalist Fabio Rossi seinen Gemütszustand, nachdem er aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Seinen Aufenthalt dort verdankt er einem Schlag auf den ...

          3 Min.

          Orientierungslos. Betrogen. Bestohlen. Verraten. Fremd. Heimatlos. Allein. Im Stich gelassen. Ausgestoßen." So deprimierend hoffnungslos schildert der junge Journalist Fabio Rossi seinen Gemütszustand, nachdem er aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Seinen Aufenthalt dort verdankt er einem Schlag auf den Kopf aus der Hand eines unbekannten Täters; ein Ehepaar fand ihn verletzt an der Endstation der Linie 19, in der Nähe der Schrebergärten der Gartengenossenschaft Waldfrieden. Und nicht nur das: Eine post-traumatische Amnesie hat seine Erinnerung an die letzten fünfzig Tagen ausgelöscht. Ob er je in der Lage sein wird, diesen verlorenen Lebensabschnitt zu rekonstruieren, ist mehr als ungewiß.

          Zu allem Übel erkennt Fabio auch das Leben, in das er entlassen wird, nicht mehr wieder: Eine Frau, die er noch nie gesehen hat, ist anscheinend seit fünf Wochen seine Freundin, doch er erinnert sich nur an seine alte Liebe Norina - daß er sie wegen eines amourösen Abenteuers mit der PR-Assistentin Marlen verlassen hat, bei der er nun wohnt, ist ihm ebenfalls entfallen. Als er wieder in der Redaktion des "Sonntag-Morgen" auftaucht, teilt man ihm mit, daß er längst gekündigt hat. So ist das Leben, das er wiederaufzunehmen versucht, eines, das ihm vollkommen unverständlich ist.

          Immer öfter muß Fabio feststellen, daß er vor seinem Krankenhausaufenthalt anscheinend eine Persönlichkeitsveränderung durchgemacht hatte: Gleich Jekyll und Hyde war er vorübergehend in einen Menschen verwandelt, der in einer Art verfrühter Midlife-crisis seine bisherigen Prinzipien und Vorlieben über Bord geworfen hatte. Es ist, als ob er eine andere, nie beachtete Seite seiner Persönlichkeit ausgelebt hatte und der Schlag auf den Kopf ihn aus einer Art Schizophrenie befreite. Allein die Kenntnis seiner früheren, besseren Persönlichkeits-"Hälfte" bewahrt ihm noch einige Sympathien. So zum Beispiel die seines alten Arbeitskollegen Lucas Jäger, den er vor zehn Jahren auf der Journalistenschule kennenlernte, der ihm immer "ein perfekter Freund" war und es auch geblieben ist.

          Je mehr Fabio über seine Fünfzig-Tage-Lücke herausfindet, desto fremder wird er sich. Bald weiß er nicht mehr, "was schlimmer ist: erinnern oder vergessen". Früher Nichtraucher, erwacht er als Raucher aus dem Koma. Seit wann ißt er gerne Schinken, was hat Lucas in Norinas Bett verloren, wo und weshalb frischte er seine längst abgehalfterte Freundschaft mit dem halbseidenen Immobilienhai Fredi Keller auf? Und vor allem: Wer hatte versucht, ihn so unsanft aus dem Verkehr zu ziehen?

          Niemand scheint willens, ihm zu erklären, was vorgefallen ist. Daß Fabio vor dem Unfall an einer ganz "großen Geschichte" gearbeitet haben soll, erfährt er eher zufällig im Gespräch mit der Redaktionssekretärin. Bei seiner letzten Reportage über Lokomotivführer, denen sich Selbstmörder vor den Zug warfen, muß er auf einen sensationellen Fund gestoßen sein. Mit unverdrossener Zähigkeit verfolgt Fabio karge Spuren, die oft genug im Sande verlaufen.

          So entlarvt man denn auch seine Beschuldigung, daß Lucas ihm die Geschichte geklaut und ihn damit um seinen "Scoop" gebracht hatte in der Hoffnung, daß Fabio sich an nichts mehr erinnern würde, schnell als paranoide Kopfgeburt. Während Fabio bei seinen Nachforschungen immer wieder aneckt, fühlt der Leser sich ihm meist einen Schritt voraus - und ahnt doch nichts von der unerwarteten Wendung der Ereignisse. Der Zirkelschluß der Handlung entpuppt sich als perfekte Inszenierung von Fabios Alter ego vor der Amnesie: Was er vermutet, hatte tatsächlich stattgefunden - doch eben nicht so, wie er es sich zusammenreimt. Trotz Fabios fehlgeleiteter Arroganz und den Beschuldigungen, die er Lucas zuteil werden läßt, wirkt er nicht eigentlich unsympathisch, sondern nur hilflos - eben wie ein Mensch, dem sämtliche Orientierungshilfen abhanden gekommen sind.

          Nach den Romanen "Small World" und "Die dunkle Seite des Mondes" ist dem Zürcher Schriftsteller Martin Suter mit "Ein perfekter Freund" eine fein ausgewogene Mischung aus White-collar-Krimi um einen internationalen Lebensmittelkonzern, schmunzelnder Gesellschaftsstudie und glückloser Beziehungsgeschichte gelungen, eingebettet in die Auflösung persönlicher Identitäten. Mit psychologischem Fingerspitzengefühl zeichnet er seine Charaktere und entwirft ein schlüssig komponiertes Geflecht menschlicher Interaktionen. Mit Lust an der Absurdität von Alltagsbanalitäten erzählt er von Menschen, denen Fabio auf seiner Suche nach der Vergangenheit begegnet. Skurrile Gestalten, wie den fettleibigen Neurologen Dr. Vogel, der seinem Gedächtnis auf die Sprünge helfen soll, oder auch den "zwinkernden Riesen", Detektivwachtmeister Tanner, beschreibt er mit freundlicher Ironie. Suter besitzt die Gabe, Orte und Situationen ebenso einfach wie schlüssig darzustellen.

          Er läßt seinen Figuren Zeit, sich zu entwickeln, sich zu orientieren: Zusammen mit dem immer zuversichtlicher werdenden Fabio tappt der Leser im Dunkeln zwischen den vereinzelten Hinweisen auf mysteriöse Geschehnisse, die sich lange nicht zu einem Ganzen zusammenfügen wollen. Zum Schluß scheinen sich die Ereignisse zu überschlagen: Die Auflösung des wirren Knotens aus Fabios mühevollen Nachforschungen fällt plötzlich wie Schuppen von den Augen. Überraschend sind Suters leichtfüßige erzählerische Volten allemal, und er widersteht der Versuchung, dem Erklärungszwang bis ins kleinste Detail zu erliegen - der Phantasie des Lesers wie auch der Fabio Rossis bietet sich immer noch genügend eigene Projektionsfläche.

          Martin Suter: "Ein perfekter Freund". Roman. Diogenes Verlag, Zürich 2002. 338 S., geb., 19,90 EUR.

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