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Rezension: Belletristik : Er war ein Wilder und wollte seine Artgenossen studieren

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Es ist der Tonfall, nicht so sehr der Handlungsablauf der Romane von Saul Bellow, der sich mir eingeprägt hat. Seine Helden tun nicht besonders viel. Sie reden endlos, meist mit sich selbst. In langen, unterhaltsamen und komischen Monologen führen sie dem Leser in einer Mischung von Straßensprache und zusammengelesener Philosophie ihre Probleme vor.

          Es ist der Tonfall, nicht so sehr der Handlungsablauf der Romane von Saul Bellow, der sich mir eingeprägt hat. Seine Helden tun nicht besonders viel. Sie reden endlos, meist mit sich selbst. In langen, unterhaltsamen und komischen Monologen führen sie dem Leser in einer Mischung von Straßensprache und zusammengelesener Philosophie ihre Probleme vor. Wie die Volksredner auf ihren Seifenkisten, die ich in meiner Jugend an der Verrücktenecke in Chicago hörte, haben sie Hunderte von bitteren Klagen vorzubringen und nehmen zu allen möglichen Themen die unmöglichsten Standpunkte ein, von den Frauen bis zu der Art und Weise, wie das Land regiert wird. Sie sind intelligent, selbstverliebt, ständig obsessiv mit einem ihnen angetanen Unrecht beschäftigt und in fortwährender Erregung. Die Grundvoraussetzung von Bellows Humor ist es stets, daß der Held ein Mensch ist, der aus seinem eigenen Leben ein totales Chaos gemacht hat. Dies war stets die Perspektive des komischen Schriftstellers. Tragische Helden beklagen sich nur bei den Göttern; die komischen Helden zanken sich endlos mit ihren Familien und träumen davon, es ihren realen oder imaginären Feinden endlich einmal zu zeigen.

          Bei Bellow hängt dieses Gefühl, daß einem ständig übel mitgespielt wird, gewiß zu einem Teil mit der Erfahrung der Einwandererfamilien zusammen, wo es durchaus üblich ist, daß das Leben absurder verläuft als die Handlung des chaotischsten pikaresken Romans. Es ist sehr schwer, sich darüber klar zu werden, weshalb das eigene Leben nun gerade so verlaufen ist und nicht anders. Für einen Immigranten wird das geradezu zu einem metyphysischen Problem. Das Absurde ist die einzige Realität, also zählt für den einzelnen Menschen im Leben nur die Kontingenz.

          Bellow selbst, so teilt uns James Atlas in seiner Biographie mit, wurde 1915 in Lachine geboren, einer Vorstadt von Montreal, wo in drangvoller Enge russische, polnische, ukrainische, griechische und italienische Arbeiter lebten. Er war das vierte Kind jüdischer Eltern, die zwei Jahre vor seiner Geburt aus Rußland ausgewandert waren. "Die Koffer, mit denen meine Eltern reisten, waren exotisch - die Taftunterröcke, die Straußenfedern, die langen Handschuhe, die Knopfstiefel und der Rest all dieser Familienschätze", so erinnerte sich Bellow, "gaben mir das Gefühl, aus einer anderen Welt gekommen zu sein." Nun war die Familie eine unter Millionen neuangekommener Einwanderer und tat sich schwer damit, einigermaßen durchzukommen. "Ein kränkliches Kind, das an Beschwerden der Atemwege litt, war er der Liebling seiner Mutter, sie behandelte ihn wie einen hinfälligen Patienten", schreibt Atlas. Nachdem man dem Vater - der in der Zwischenzeit in den Alkoholschmuggel eingestiegen war - mit vorgehaltener Pistole eine Wagenladung Fusel geraubt, ihn verprügelt und in einem Graben liegengelassen hatte, nahm die Familie Verbindung mit einem Vetter in Chicago auf. Der Vater ging zuerst hinüber und Mutter und Kinder wurden im Juli 1924 von einem Unterweltskollegen des Vaters heimlich über die Grenze in die USA gebracht.

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