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Rezension: Belletristik : Ente mit Klatschmaul

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Nein, wie köstlich: Christine Eichel debütiert in fünf Gängen

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          Nehmen wir einmal an, wir dürften uns zur Kulturschickeria zählen und wären zu einem kleinen, feinen Diner bei unseresgleichen geladen. Die Tafel im Jugendstilsalon ist für sechs Personen gedeckt; Gastgeberpaar und Gäste repräsentieren die lokale Crème de la crème aus Verlagswesen, Medien, Event-Management und so weiter. Madame hat selbst gekocht. Und was trägt das portugiesische Hausmädchen herein? Entenbrust an Blattsalaten, Lachs auf Lauchjulienne, Lammrücken und Kartoffelgratin, illustrierte Limettenmousse, Mandelhippen mit Schokoladenfondant. Mon Dieu!

          Sind wir im falschen Jahrzehnt gelandet oder in der falschen Szene? Wir befinden uns im Debütroman von Christine Eichel, die dieses Menü aus der Gründerzeit des Gourmet-Tourismus als "Gefecht in fünf Gängen" serviert. Wie der Titel andeutet, hat sich die Tischgesellschaft hier aber nicht nur zum Genuß der proteinreichen Kost versammelt, sondern auch zu einem Geplänkel mit Messer, Gabel und spitzzüngigen Gemeinheiten. Das macht mehr Appetit als die Speisenfolge, denn gewiß kann es launig zugehen, wenn Rundfunkredakteur und Buchverleger, Theaterkritikerin und Dramaturgin, Kunstagentin und Kolumnist aufeinandertreffen, wenn Rivalitäten den Champagner vergiften und die in jenen Kreisen so verbreitete erotische Frustration den Grappa trübt.

          Spätestens beim Espresso fragt man sich jedoch, in welchem Milieu Frau Eichel recherchiert haben mag, als sie sich anschickte, eine Satire auf den zeitgenössischen Kulturbetrieb zu verfassen. Das gemischte Sextett, das den Small talk übersättigter Kunstschmarotzer beziehungsweise die Tischsitten professioneller Klugschwätzer vorführen soll, redet und gebärdet sich so, als hätte eine Fachfrau wie Hera Lind den Abend inszeniert und im Unterschied zu ihren sonstigen Romanen lediglich die Frequenz der Fremdwörter erhöht. Die Auftritte der Personen, ihre Sticheleien, Frivolitäten, Koketterien und Bekenntnisse und nicht zuletzt die angestrengt daherstöckelnden Kommentare der Autorin muten an wie eine Unterweisung für das Küchenpersonal, das sonst nur hinter der Tür lauschen darf. Schaut her, so treiben sie's in diesen Zirkeln, wenn sie unter sich sind: "Den leicht parasitären Hautgout ihrer Arbeit kompensierten sie ausnahmslos mit dem Dauergestus der Verachtung."

          Apropos treiben, apropos Küche: Der Hausherr tut ebendieses in ebenjener mit der Perle aus Portugal und wird dabei auch noch erwischt, was das Konversationsstück in Prosa um ein boulevardeskes Element bereichert. Die gleiche Funktion hat das Eindringen eines vulgären Jungkünstlers in die Clique, deren verbale Bewaffnung für ein abendfüllendes Gefecht leider nicht ausreicht. Vollends theatralisch wirkt Christine Eichels Bemühen, die peinvoll pointenarme Party mit steigendem Alkoholpegel zur Enthüllungsschlacht eskalieren zu lassen und den am Ende arg derangierten Trinkern so etwas wie Tragödienformat zu verleihen. Das sind ja lauter arme Würstchen im Phrasen-Schlafrock, will uns die Autorin sagen, bevor ihre didaktische Ader in einem Rezeptteil zu voller Geltung kommt: "Für das Kartoffelgratin nimmt Stefanie eine feuerfeste Form, die sie sparsam gebuttert und mit dem Saft der zerdrückten Knoblauchzehen aromatisiert hat." Für Hobbyköchinnen ohne übertriebene Ambitionen ist das Buch ein Gewinn. KRISTINA MAIDT-ZINKE

          Christine Eichel: "Gefecht in fünf Gängen". Roman. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 1998. 184 S., geb., 32,- DM.

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