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Rezension: Belletristik : Einmal und nie wieder

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Wie ging es zu bei einer der Sternstunden der Lyrik des zwanzigsten Jahrhunderts? So: "Ein Glück, daß Sie nicht da waren! Ging schief! Zu großer Hörsaal, zu viel Leute u. miserable Akustik, die hintre Hälfte schrie ,lauter!', peinliche Sache. Einmal u. nie wieder." Es hat offenbar auch sein Gutes, wenn man sagen darf, man sei nicht dabeigewesen, als Gottfried Benn am 21.

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          Wie ging es zu bei einer der Sternstunden der Lyrik des zwanzigsten Jahrhunderts? So: "Ein Glück, daß Sie nicht da waren! Ging schief! Zu großer Hörsaal, zu viel Leute u. miserable Akustik, die hintre Hälfte schrie ,lauter!', peinliche Sache. Einmal u. nie wieder." Es hat offenbar auch sein Gutes, wenn man sagen darf, man sei nicht dabeigewesen, als Gottfried Benn am 21. August 1951 um 17 Uhr im Auditorium maximum der Marburger Universität seinen großen Vortrag über "Probleme der Lyrik" hielt. Zumindest wenn man den obigen Schilderungen Benns glaubt, die dieser seinem Intimus Oelze am nächsten Tag übersandte. Die Druckfassung des Vortrages eröffnet jetzt - frei aller Akustikprobleme - den neuesten und sechsten Band der "Stuttgarter Ausgabe" sämtlicher Werke Benns, der mit seiner bislang unbekannten Dankesrede zum 65. Geburtstag beginnt und seinen Worten zum eigenen 70. Geburtstag endet, gehalten wenige Wochen vor seinem Tod am 7. Juli 1956. Das einzige, was das Auditorium jetzt noch schreien könnte, wäre: "Mehr!"

          Und wir werden erhört. Nächstes Jahr schon soll der letzte Band erscheinen, "Dialogische Formen", der medizinische Schriften enthält, Interviews und Prosaentwürfe, auch die Edition der Briefe Benns treibt der Klett-Cotta Verlag unter der Betreuung von Thomas Weck voran: Nachdem Benns Briefe an Astrid Claes endlich erschienen sind (siehe nebenstehende Rezension), bereitet Marguerite Schlüter jetzt Benns Briefwechsel mit seinem Verleger Max Niedermayer für den Druck vor, geplant ist auch die Veröffentlichung der langjährigen brieflichen Beziehungen zwischen Benn und der Zeitschrift "Merkur".

          Doch nun erst einmal: "Prosa 4. 1951-1956". Mit Holger Hof hat ein junger Herausgeber die Editionsarbeit von Gerhard Schuster fortgesetzt und die lange brachliegende Werkausgabe endlich um einen neuen Band erweitert, auf den die Öffentlichkeit leider über zehn Jahre warten mußte. Hof, der mit einer Arbeit über Benns Montagetechnik promoviert wurde, hat sich mit einer Inbrunst auf den Anmerkungsapparat gestürzt, daß es für neugierige Leser eine Freude ist. Wie ein Archäologe trägt Hof Schicht um Schicht der Texte Benns ab, um durch den Rückgriff auf die erstmals systematisch erschlossenen Tagebücher im Marbacher Literaturarchiv, auf seine Nachlaßbibliothek und auf die zahlreichen Entwürfe und Fassungen bis zum Prosakeim vorzudringen. Zugleich macht er sich wie ein Detektiv auf die Suche noch nach dem entlegensten Hinweis - so fand er etwa 31 kürzere Arbeiten Benns, meist Antworten auf Umfragen oder Grußworte, die nach ihrer entlegenen Publikation in kleinen Zeitschriften bis heute unbekannt geblieben waren. Etwa die herrliche Antwort auf die Frage der "Monatshefte für Weltliteratur" im Jahre 1953: "Was haben die Leser zu erwarten?" Darauf Benn: "Ich arbeite zur Zeit an nichts, außer an der Gewinnung neuer Eindrücke und an der Überprüfung früher von mir angewandter Methoden und Grundsätze." Er hätte auch schreiben können: Lassen Sie mich bitte in Ruhe. Aber er schreibt es eben anders, und selbst in diesem unwirschen einen Satz steckt noch der ganze Benn, sein tiefes Wissen darum, wieviel Arbeit es macht, Eindrücke wirklich zu gewinnen, und wie beherrschend, wie fürchterlich und wie beruhigend doch das eigene Gefangensein in den "Wiederholungszwängen" ist, den "früher von mir angewandten Methoden und Grundsätzen".

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