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Rezension: Belletristik : Eine Schlange gibt Pfötchen

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Ein Wunder der Behendigkeit: Lavinia Greenlaws Gedichte / Von Burkhard Müller

          5 Min.

          Die Telefonkabel müssen ja riesig sein bei dem, was sie alles transportieren!" schrieb Derain 1901 an Vlaminck. Diesen Ausruf aus der Frühzeit der Epoche, die jetzt zu Ende geht, halb ehrlich erstaunt und halb ironisch, hat die 1962 geborene britische Lyrikerin Lavinia Greenlaw ihrem Gedichtband als Motto vorangestellt. Aber nein, ein Telefonkabel kann natürlich ganz dünn sein, das schmälert seine Transportleistung nicht, und an dieser Kapazität nimmt sich Greenlaw ihr Beispiel. Wenn es sonst zuweilen scheinen kann, daß sich die Lyrik vom Doppelschlag des Verlusts von Metrum und Reim nicht mehr erholt hat und als orientierungslose Kurzprosa herumtaumelt, übermäßig schweigsam, um sich dennoch irgendwie Haltung zu geben: Greenlaws Gedichte sind knapp ohne Lakonismus, nüchtern und doch nicht streng und ohne Metrum vollbringt ihr Rhythmus, wie eine Katze, mühelose Wunder der Behendigkeit.

          Lyrik, wie Greenlaw sie auffaßt, ist eine Schwester der neuen Informationstechniken und ihrer Augenblicklichkeit. Mit spöttischer Rührung blickt sie zurück auf "Eine Welt, in der Nachrichten sich nur langsam verbreiteten" (dies der Titel des zweiten Gedichts): auf den Zeichentelegrafen, dessen klappender Mechanismus an jeder seiner zahlreichen Stationen drei Mann zur Bewegung der Signalarme braucht, oder gar den reitenden Boten, der von Montag bis Donnerstag unterwegs ist, "with a four-day chance / that by now things were different". Vorzuziehen ist zweifellos die Gegenwart, wo "words are faster, smaller, harder" und keine Zeit für den Reim bleibt (denn der Reim fußt auf der Bereitschaft zu warten). Sie verlangt den Gedichten ihre wesentliche Qualität ab: die Anmut der Präsenz.

          Greenlaw hegt eine zärtliche Vorliebe für die wissenschaftlichen Errungenschaften des zwanzigsten Jahrhunderts, besonders als sie noch jung waren. Eines ist der Hündin Laika in ihrem Sputnik gewidmet, zwei weitere erzählen die Geschichte von der "Unschuld des Radiums", eines Mädchens, das in einer Fabrik Ziffernblätter mit Leuchtfarbe bemalt und sich Fingernägel und Zehen zum Spaß damit anpinselt, um die anderen Mädchen im Dunkeln zu erschrecken; sie stirbt, aber zuvor erhält sie im Hospital in New Jersey noch einen Brief von Marie Curie mit der Empfehlung, viel rohe Kalbsleber zu essen. "Der Mann, dessen Lächeln Medizingeschichte machte", ist ein englischer Soldat, Großvater des lyrischen Ich, dem im Ersten Weltkrieg (dem Krieg, der "die unbegrenzten Möglichkeiten der menschlichen Gestalt offenbarte") nach Verlust seiner Oberlippe erstmals ein Stück eigener Haut erfolgreich transplantiert wurde; jedoch kann die Wissenschaft, die sein Bild im Spiegel gerettet hat, nichts tun, als er, selber ein Arzt, wenig später einer Lungenentzündung erliegt, "having recently heard of antibiotics".

          Solche Geschichten kann diese Lyrik erzählen, ohne sich ins Anekdotische und damit ihre Eigenart an die Prosa zu verlieren. Im Gegenteil, sie erzeugt im Leser das tief befriedigende Zutrauen, daß gerade das Gedicht, seiner neueren formalen Ungesichertheit zum Trotz, das geeignete Gefäß sein könnte, um Erfahrung festzuhalten; daß etwas, das in ihr gesagt wurde, erst wirklich gesagt worden ist. Erfahrung neigt ja dazu, gleichzeitig etwas sehr Flüchtiges und etwas sehr Umfassendes zu sein, zu klein und zu groß, um es auszusprechen. Beidem aber schmiegt sich die achtsame Beiläufigkeit dieser zumeist kurzen Gebilde bewundernswert an. Ein plötzlicher Strahl Abendsonne beleuchtet die Welt in ungewohnter Weise, der Rauch aus dem Schlot des Kraftwerks entfaltet sich in "slow muscular eventual rise" - ja, das stimmt, es gibt dieses besondere Licht, das Wolken und Rauch auf einmal mit solch unglaublicher Körperlichkeit ausstattet, wie überraschend und treffend ist dieses "muscular"! Das Gedicht schließt: "It reminds me / of how we used to talk; how we want sometimes / to do more than just live it."

          Es ist ein Augenblick des Glücks, und deutlicher braucht man es nicht zu machen. Ein Glück, das verschlungen ist ins Glücken seiner wenigen sprachlichen Fügungen: geht ein Ruck durch das eine, bebt das andere mit, "it shivers but holds" (wie es im Buch von einer glitzernden Schneelandschaft heißt); mehr ist nicht erforderlich, und das Gedicht ruht in der Gewißheit, die sich einstellt beim Anblick des gestaltlosen Schlamms im Wattenmeer, "that nothing is in place / but everything is here". Mein persönliches Lieblingsstück ist "In the Zoo after Dark": Tiere in einem unnatürlichen Licht, weder Vollmond noch Waldbrand, der Löwe sieht dem Delphin bei seinen Bögensprüngen zu und gewinnt eine Ahnung von dessen Element, dem Salz, "or the stillness of the golden eagle, /wings folded, waiting / for the sky to break". Es sind Gedichte, die ihren Schwerpunkt nicht in der Komposition haben; den bestimmenden Eindruck hinterläßt selten das Ganze, sondern rührt von einzelnen der zumeist zwei- bis fünfzeiligen Blöcke, aus denen sie gebaut sind.

          Das Gedicht "Coast Road" beginnt am Rand einer Stadt in Florida, wandert von dort allmählich in die Sümpfe hinaus und könnte eigentlich schon zu Ende sein, wenn man umblättern muß; und nun fliegen auf einmal Silberreiher vorüber, "so white / and lacking, in detail with their stretched necks / and linear heads, they seam to be missing". Es scheint ein Spiel zu sein, das, wie der Witz, Belohnung der Kürze verheißt: wie kurz darf sich eine ungewöhnliche Anschauung höchstens fassen, wenn sie noch verstanden werden will?

          Ein Spiel, bei dem das Deutsche jedenfalls passen muß. Die Übersetzung, die auf der gegenüberliegenden Seite dem Original immer nachschleicht wie ein Körper, der von einem Schatten geworfen wird, bietet folgendes: "so weiß / und ohne jede Zeichnung mit ihren gestreckten Hälsen / und strichförmigen Köpfen, daß sie wie ausgeschnitten aussehen". Jeden Anklang von Rhythmus opfert sie dem Bemühen um Verdeutlichung; wo das Englische einen leichten Haken schlägt, braucht sie eine schwere Wendung, um an denselben Punkt des Bildgedankens zu kommen - und verfehlt ihn doch. "Daß sie zu fehlen scheinen" - das wäre im Deutschen beim besten Willen nicht gegangen. Solche Verflachung mag beklagenswert unvermeidlich sein - aber warum dann überhaupt das Gedicht mit der Übertragung belasten, die ihm so offenbar nichts gewinnt, aber in die Lektüre eine unhandliche Querachse einzieht? Denn für sich ist die deutsche Version gänzlich ungenießbar, und man muß schon nach links schielen, um sicherzustellen, daß mit dem Titel "Haut voll" nicht gemeint ist, daß hier einer etwas vollhaut, sondern "Skin full".

          Aber die Übertragung von Gerhard Falkner und Nora Matocza gibt sich damit noch nicht zufrieden und entstellt den Text über dieses vielleicht notwendige Maß hinaus. Der Titel "Serpentine" im Deutschen büßt seine schlangenhafte Vieldeutigkeit ein und legt sich auf die Haarnadelkurve fest, die Verben "crack" und "ripple" verlieren im Deutschen jeden Hiweis auf die sacht-gefährliche Bewegung der Schlangenwirbel. Es erweist sich unwiderleglich, wo die Überstzer sachliche Fehler begehen: Hier wird offenbar, wie wenig sie sich in deren Anschauung vertieft haben. Und so bleibt festzuhalten, daß "his rare hunger" nicht "sein kostbarer Hunger" heißt, sondern sich darauf bezieht, daß Schlangen nur in großen Abständen fressen; und daß "he will dislocate his jaw to hold it" auf das Quadratbein der Schlangen anspielt, das grundsätzlich zu jeder Mahlzeit ausgerenkt wird, weshalb "Er würde sich eher den Kiefer ausrenken als loszulassen" völlig danebenliegt. Die Schlange ist "pawless", ohne Pfoten, erscheint aber bei Falkner/Matocza als "makellos" - hier hat offensichtlich eine Verwechslung mit "flawless" stattgefunden. Und das alles in einem einzigen Gedicht von zwanzig Zeilen Länge! Man nehme noch die zahlreichen Druckfehler im englischen Text und den Umstand hinzu, daß die fettere Drucktype der deutschen Version wiederholt in das Filigran des Originals eindringt, und man erhält eine Vorstellung von der Sorgfalt dieser Edition.

          Von dem allen wird diese Lyrik nicht angetastet. Über Horaz hat Nietzsche gesagt, was hier getan sei, das könne man im Deutschen nicht einmal wollen. Das gilt von Greenlaws Werk; und die deutsche Übertragung, die sich an ihrer Seite so unablässig plagt, hat doch das eine Gute, dies fühlbar zu machen. Der semantische Reichtum der einzelnen Wörter, die Knappheit und Mehrdeutigkeit komplexer Satzbögen, das präzis Schwebende der Partizipialkonstruktionen - im Englischen steckt die Befähigung zum Latein der Gegenwart, und Lavinia Greenlaw hat die Fähigkeit bewiesen, sie zum Vorschein zu bringen.

          Lavinia Greenlaw: "Nachtaufnahmen". Gedichte in zwei Sprachen. Englisch - Deutsch. Übertragen von Gerhard Falkner und Nora Matocza. DuMont Buchverlag, Köln 1998. 154 S., geb., 38,- DM.

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