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Rezension: Belletristik : Eine Dame mit Verstand

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Mit geistigem Notstand, Untergang des Abendlandes hat diese moralische Enthaltung allerdings wenig zu tun. Svevo hat dafür andere Gründe. Wer in Lebensdingen die ganze Wahrheit, die reine Lehre verlangt, mißachtet, wie sie wirklich sind. Sie geben das nicht her. Deswegen scheitert der Alte.

Selbst wo er in bester Absicht, zum Wohle des Mädchens, der Mitmenschen zu handeln glaubte, weist ihm der Erzähler verständnisvoll, aber unerbittlich nach, daß er sich etwas vormacht. Wir können gar nicht anders; das ist für Svevo das Problem. Der Selbstbetrug in seinen unerschöpflichen Spielarten - er ist die Wahrheit des modernen Subjekts. Über diese "Verhaftung" kommen wir nicht hinaus, wie Josef K. in Kafkas "Prozeß" aus dieser Zeit. Der Alte will das nicht einsehen; er ist Fundamentalist. Der Erzähler spricht deshalb von Wahn in seinem Fall, vergleichbar den Masken bei seinem Zeitgenossen Pirandello. Svevos Schopenhauer-Lektüren scheinen hier nachzuwirken: daß die Welt nur eine Anschauung des Anschauenden sei, nicht mehr. Wer deshalb alles auf einen letzten Sinn bringen will, begibt sich in geistige Lebensgefahr. Es ist nicht auszuschließen, daß Aron Ettore Schmitz, jüdischer Abstammung, im machtbewußten Faschismus bereits die nervöse Anspannung zu Endlösungen verspürt hat. Man kann das Leben nicht ins reine schreiben, wie der Alte wollte. Dafür demonstriert Svevo.

Mehr noch: Er versucht literarisch vorzubeugen. Mal um Mal zeigt er, daß in der Selbsttäuschung zwar keine eindeutige, aber immerhin eine lebenswerte Wahrheit liegt. Dann nämlich, wenn man sich ihrer als solcher bewußt ist. Seine Texte betreiben deshalb literarische Gewissenserforschung. Bewußtseinskritik, das ist Svevos Welt. Sie erhält gesund, auch gegen die "Krankheit des Alters", solange sie den Gedanken die Beweglichkeit des Lebens sichert.

Im Grunde hat Italo Svevo dabei wohl nie etwas anderes getan, als seinen Namen auszuarbeiten. Svevo, "Schwabe", meint das Anderssein der Donauschwaben Schmitz, die Diaspora der jüdischen Familie in Triest. Italo dagegen bekennt seine Zugehörigkeit zur italienischen "Seele".

Sein Pseudonym umfaßt sein Schreibprogramm. Es tritt dafür ein, daß eine eigene Ansicht immer zugleich auch eine andere bedingt. Etwas von der Beweglichkeit der jüdischen Hermeneutik kommt darin zum Vorschein, die, seit Moses die Gesetzestafeln zerbrach, sich des verlorenen Zusammenhangs nur in einer ununterbrochenen Durchsicht der zerstreuten Teile noch vergewissern kann.

Tragisch hatte die Geschichte des alten Herrn geendet. Versöhnlich aber geht der Erzähler mit ihr um. Er bleibt distanziert, aber man merkt, daß er den Alten mag. An seinem Tonfall soll man ihn erkennen: Er überträgt seine Sondierungen auf dem Felde des moralischen Bewußtseins, des Humors, den Svevo von Jean Paul kennt. Aber vielleicht wollte er auch dabei nur wieder seinem Namen gerecht werden. Wenn ein Ettore Schmitz schreibt, könnte er es anders als "verschmitzt" tun?

Italo Svevo: "Der alte Herr und das schöne Mädchen". Aus dem Italienischen übersetzt von Barbara Kleiner. Mit einem autobiographischen Abriß von Svevo und Fotos von Arturo Giacomelli. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1998. 110 S., geb., 22,80 DM.

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