https://www.faz.net/-gr3-39ky

Rezension: Belletristik : Ein Tropfen zuviel oder zuwenig, und schon ist alles ganz anders

  • Aktualisiert am

Die Zwischenkriegszeit, in der halb Europa von autoritären Regimes regiert wurde, war keine schlechte Zeit für die Literatur. Wohl aber für den literarischen Austausch. So mancher Autor, der ein internationales Publikum verdient hätte, blieb, wenn er überhaupt veröffentlichen durfte, auf Heimatland und Muttersprache beschränkt.

          Die Zwischenkriegszeit, in der halb Europa von autoritären Regimes regiert wurde, war keine schlechte Zeit für die Literatur. Wohl aber für den literarischen Austausch. So mancher Autor, der ein internationales Publikum verdient hätte, blieb, wenn er überhaupt veröffentlichen durfte, auf Heimatland und Muttersprache beschränkt. Besonders der deutsche Markt war seit Hitlers Machtergreifung der ausländischen Literatur zunehmend verschlossen. Deshalb sind auch heute noch immer wieder erstaunliche Entdeckungen möglich. Der Ungar Sandor Marai ist eine solche. Sein Landsmann Béla Zsolt verdient die Aufmerksamkeit womöglich noch mehr.

          Zsolt, Jahrgang 1895, der jüdischen Bourgeoisie entstammend, wuchs in Großswordein (Nagyvarad) auf, einer Kleinstadt mit jener typischen ungarisch-rumänisch-deutsch-jüdischen Mischkultur, die später durch Krieg, wechselnde Besatzer und den Holocaust genauso vernichtet wurde wie etwa, um ein berühmtes Beispiel zu nennen, in Aleksandar Tismas Novi Sad. 1920, nach vier Jahren Kriegsteilnahme, siedelte Zsolt nach Budapest über, wo er schnell eine prominente Figur des literarisch-publizistischen Lebens wurde, das sich unter anderem im Kaffeehaus abspielte. Er leitete die Zeitschrift "Die Feder" und führte selbst eine überaus scharfe, attackierte Rechte und Linke, aristokratische Reaktionäre und Bauernromantiker, war ein unerschütterlicher Verfechter liberal-bürgerlicher Werte und Traditionen. Daneben gewann er literarische Reputation mit Romanen und Theaterstücken.

          Als Hitler den Krieg begann und Osteuropa neu verteilte, sahen die Ungarn ihre Chance zur Revision der Versailler Verträge. Sie holten sich "geraubtes Territorium" von der Slowakei und Jugoslawien zurück und verstrickten sich dabei immer mehr in die verbrecherischen Abenteuer der Deutschen. Der Verliererstaat des Ersten Weltkriegs, der eine kommunistische Revolution und deren Niederschlagung erlebt hatte, wurde zum Schurkenstaat im Zweiten. Nur an der "Endlösung" wollte sich die ungarische Regierung, trotz eines urwüchsigen eigenen Antisemitismus, nicht beteiligen. Noch bis 1944 gelang es, "ihre" Juden vor der Deportation in die Vernichtungslager zu bewahren. Dann sorgten Eichmann und seine Schergen dafür, daß noch eine halbe Million ungarische Juden ermordet wurde.

          Gut war es ihnen auch zuvor nicht ergangen. Tausende waren zum Arbeitsdienst in der Ukraine geschickt worden. Auch Béla Zsolt war darunter, trotz seiner inzwischen 47 Jahre; als bekannter Oppositioneller war er besonders bösartigen Schikanen ausgesetzt. Mit Hilfe seiner exzellenten Verbindungen gelang es ihm zwar, freizukommen und nach Budapest zurückzukehren. Doch dort wartete schon das Militärgefängnis (wegen "Greuelpropaganda"), dann das Ghetto. Daß er nicht, wie die meisten seiner jüdischen Landsleute, in der Gaskammer sterben mußte, verdankt er einem Wunder: Er gehörte zu den rund eintausendfünfhundert ungarischen Juden, die im Zuge der "Kasztner-Aktion" in letzter Minute freigekauft werden konnten.

          Gleich nach dem Krieg, 1945, nahm Zsolt seine politische und literarische Aktivität sofort wieder auf. Er gründete eine Partei der "bürgerlichen Demokraten", für die er 1947 ins Parlament gewählt wurde, und kämpfte in der Zeitschrift "Fortschritt" gegen Korruption, den wieder auflebenden Antisemitismus und den Machtzuwachs der Kommunistischen Partei, die schließlich das Land in ihren Würgegriff nahm. Aber da war Zsolt schon todkrank; die Publikation seiner Erinnerungen an die Zwangsarbeit und das Ghetto, die Woche für Woche im "Fortschritt" erschien, mußte er abbrechen; sie blieben unvollendet. Diese Erinnerungen sind erst 1980 in Ungarn erschienen, unter dem Titel "Neun Koffer" 1999 auch auf deutsch (mit einem hilfreichen Nachwort von Ferenc Koszeg); sie gehören zu den frühesten und schrecklichsten Beiträgen der Holocaust-Literatur.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wegen Amazonas-Bränden : Europa droht Bolsonaro mit Blockade

          Der Streit mit Brasilien um die Waldbrände eskaliert: Finnland prüft ein Einfuhrverbot für brasilianisches Rindfleisch in die EU. Irland und Frankreich drohen, ein Handelsabkommen zu blockieren. Politiker aus Europa schießen gegen Präsident Bolsonaro.
          Empfindet Schäubles Äußerungen als „wohltuend“: der frühere Präsident des Verfassungsschutzes Hans-Georg Maaßen

          Streit über Maaßen : Nach der Attacke ist vor der Attacke

          Mit einer gezielt gesetzten Äußerung heizt Wolfgang Schäuble den Streit um einen möglichen Parteiausschluss von Hans-Georg Maaßen weiter an. Wieso macht er das?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.