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Rezension: Belletristik : Ein Tiefseetaucher im Hotel

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Dumitru Tsepeneag erzählt von östlichem Durcheinander

          5 Min.

          Auf den ersten Blick erscheint das Vorhaben vielversprechend. Ein Roman über den großen Umbruch, der 1989 die Länder Ostmitteleuropas und das russische Imperium aus den Angeln hob und die kommunistischen Regime zum Einsturz brachte, nicht erzählt im moralisch getragenen Ton, den man von vielen Dissidenten gewohnt ist, sondern mit Leichtigkeit, ironisch und witzig, keine selbstquälerische Abrechnung, sondern eher ein Schelmenroman. Auch der Schauplatz des Geschehens macht neugierig.

          Rumänien ist seit der Revolution und der so grotesken wie grausigen Hinrichtung des Diktatorenpaares Nicolae und Elena Ceausescu wieder in den toten Winkel unserer Wahrnehmung geraten. Selbst die Straßenkinder von Bukarest und die unsäglichen Zustände in den rumänischen Waisenhäusern, Themen für zahllose Reportagen und Berichte, wurden längst von anderen, noch schlimmeren balkanischen Tragödien verdrängt. Dieses Desinteresse gilt auch der rumänischen Literatur, die ja im deutschen Sprachraum nie wirklich einen Durchbruch erlebte, wenn man von einzelnen rumäniendeutschen Autoren absieht, voran Hertha Müller, Franz Hodjak und Richard Wagner.

          Um so bedauerlicher ist es, daß der Klappentext nicht mehr über den Autor verrät, als daß Dumitru Tsepeneag 1937 in Rumänien geboren wurde - wo? würde man da gern nachhaken, das Land ist groß -, seit 1971 in Paris lebt und dort einige Romane veröffentlichte. Sonst erfahren wir nur noch, daß "Hotel Europa" das erste Buch Tsepeneags ist, das ins Deutsche übersetzt wurde, was Ernest Wichner übrigens mit großer Sprachsicherheit besorgte, soweit sich das sagen läßt, wenn man das Original nicht kennt.

          Tsepeneag verpackt die Handlung in eine auf mehreren Ebenen und Schauplätzen gleichzeitig spielende Erzählung. Ein in Paris lebender Autor hat einen Hilfskonvoi in die alte Heimat begleitet und beschließt nach seiner Rückkehr, seinen großen Roman zu schreiben, über die rumänische Revolution und ihre unglücklichen Kinder, die nach dem raschen Niederbrennen des ersten revolutionären Feuers mitansehen müssen, wie die flink gewendeten Kommunisten wieder alles an sich reißen. Der Verdacht liegt nahe, daß Dumitru Tsepeneag hier mit einer autobiographischen Figur spielt, die er kokett zur Karikatur verzeichnet. Der nicht mehr junge, bisher mäßig erfolgreiche Autor, den die Angst verfolgt, daß seine französische Frau ihn nicht für voll nimmt, geht ziemlich hilflos ans Werk.

          Er hat keinen Plan und keine rechte Vorstellung, wie er seinen Roman anlegen soll, alles zerflattert ihm in beliebige Bilder und zufällige Personen, die sich noch dazu eigensinnig selbständig machen und dem Autor (im Roman) die Handlungsfäden aus der Hand winden, um selbst Regie zu führen. Ein fragmentarischer, sich hartnäckig dem Niederschreiben verweigernder Roman im Roman also, in dessen Mittelpunkt der Student Ion Valea steht, der in Bukarest mit Freunden und Studienkollegen in die Wirren der Revolution gerät, von der am Ende keiner weiß, ob es tatsächlich eine Revolution war oder vielleicht ein geschickt eingefädeltes Komplott der Securitate, der kommunistischen Geheimpolizei, die auf Anordnung Gorbatschows oder anderer dunkler Mächte den Karpatendiktator und seine engste Clique opferte, um den Kommunismus zu retten oder wenigstens den alten Seilschaften in den Sattel zu helfen, die während der Revolution abgetaucht waren.

          Die paranoide Suche nach Verschwörungen, mit der sich Ion Valea und seine Kampfgefährten die Zeit vertreiben, wenn sie sich nicht gerade besaufen oder Mädchen ins Bett abschleppen, gehört in den postkommunistischen Ländern zum politischen Alltag. Als das neue Regime des postkommunistischen Präsidenten Ion Iliescu die Bergarbeiter aus der Provinz in die Hauptstadt ruft, damit die Proletarier die unzufriedenen Studenten von den Straßen prügeln, verliert Ion Valea nicht nur seine letzten Illusionen, sondern noch seine Freundin Maria, die in der flüchtenden Menge verschwindet.

          Ion macht sich auf die Suche nach seinem Mädchen und auch nach dem französisch-rumänischen Autor, den er während der Wirren in Bukarest kennengelernt hat, um bei ihm Rat einzuholen, was das alles zu bedeuten hat. Doch bald muß er erkennen, daß der Westen die Rumänen keineswegs mit offenen Armen aufnimmt. Auf seiner Reise quer durch Europa, die ihn über Budapest, Wien, München und Straßburg nach Frankreich führt, begegnet Ion, der wie ein reiner Tor durch die fremde Welt geht, allerlei dubiosen Typen, einem regelrechten postkommunistischen Panoptikum: Da ist die ungarische Witwe, die Ion zunächst ein Dach über dem Kopf und dann auch ihr Bett anbietet, aber es gibt auch jede Menge Gelichter: Zuhälter, Prostituierte, Drogenhändler, ein desertierter russischer Soldat, der sich als Wegelagerer versucht, ein schnauzbärtiger, mit bessarabischem Akzent sprechender Emigrant, der aussieht wie der ehemalige rumänische Tennisspieler Ion Tiriac und den Studenten in die Dienste irgendeiner geheimnisvollen Organisation zwingen möchte.

          Manchen von ihnen ist Ion schon früher begegnet, im Gefängnis der Securitate oder bei der Demonstration auf dem Universitätsplatz in Bukarest, die von den Bergarbeitern auseinandergeprügelt wurde, doch sie tragen nun andere Namen, gehen zwielichtigen Beschäftigungen nach, typische Produkte der postkommunistischen Zeit halt.

          Keiner ist mehr der, der er gestern war. "Mir scheint, wir haben alle unseren Doppelgänger", sagt der Student Petrisor, ein Freund Ion Valeas, der sich als Dieb und Spitzel entpuppt. In Wien kommt Ion unvermutet zu viel Geld, das ihm jedoch bald wieder abgenommen wird. In München macht er Station bei einem alten Siebenbürger Sachsen, einem meisterhaften Backgammon-Spieler, doch auch hier tauchen bald dunkle Gestalten auf, voran der schnauzbärtige Bessarabier, der Ion quer durch Europa zu verfolgen scheint, ohne daß wir je einen Grund dafür erfahren. Nicht einmal der Exilautor in Frankreich, der durch Briefe über das Schicksal seiner Gestalten informiert wird, kennt den. Der Student flieht weiter nach Straßburg, wo er vor dem Münster einen rumänischen Bettler kennenlernt, den Rollstuhlfahrer Cica, der Ion in ein ehemaliges Hotel für Haustiere mitnimmt, in dem nun obdachlose Herumtreiber aus Osteuropa hausen, die ihrer Bleibe den Namen "Hotel Europa" geben, denn "Europa gehört uns allen!" fordern sie, obwohl sie wissen, daß sie wieder zu den Verlierern gehören.

          Auf dem Weg nach Paris wird der Rollstuhlfahrer gekidnappt, warum, werden wir nie erfahren, und Ion setzt seine Reise nach Paris per Anhalter fort. Der rumänische Autor hat sich allerdings inzwischen in die Bretagne abgesetzt, um dort endlich den Roman zu vollenden. Das gibt Ion Gelegenheit für ein kurzes Liebesabenteuer mit der Frau des Schriftstellers, ehe auch er in die Bretagne aufbricht, wo ihn die anderen Figuren, unter ihnen auch der schnauzbärtige Bessarabier, schon zusammen mit dem Autor erwarten. Als wären diese verschlungenen, atemlos erzählten Episoden nicht verwirrend genug, bedient sich Tsepeneag auch einer überbordenden surrealistischen Bildersprache, die leider manchmal etwas bemüht wirkt und auch frustrierend, weil man während des Lesens dauernd nach einem Schlüssel für die vielen Bilder sucht, den der Autor jedoch nie herausrückt. So steht man dann ein wenig hilflos da, um nicht zu sagen, dumm. Warum tappt der Bergbauingenieur Valentin, der "die Fresse eines reinrassigen Securitatemannes hat", manchmal in der vollen Montur eines Tiefseetauchers durchs Bild? Und was hat es mit der ziegenbärtigen, irr kichernden Alten auf sich, die Ion in Bukarest und in Budapest zu Tode erschreckt?

          Gehört der Jäger ohne Gewehr, der mit Vorliebe in Zügen auftaucht, zu seinen Verfolgern? Was bedeutet der Adler, der Ion und anderen Figuren allerorten begegnet, einmal ausgestopft in einem Schaufenster sitzend, dann als bedrohliches Traumbild Schrecken verbreitend oder durch die Lüfte gleitend, einen Fisch in den Krallen? Und der Fisch, der einmal ruhig durch die Luft schwebt, dann dem Adler zum Opfer fällt, was soll der? Steht der geschundene Fisch für Rumänien, dessen Volk nach der Revolution wieder zum Opfer wird? Wen personifiziert der raubgierige Adler? Hat die Tatsache, daß dem Postboten Pierre, der den Exilautor mit Briefen seiner Romanfiguren versorgt, Flügel wachsen, etwas mit dem geheimnisvollen Luftschiff zu tun, das sich am Himmel über der Bretagne zeigt? Wir erfahren es nicht. Am Ende geht der Roman ganz aus den Fugen. Das ist schade. MARTIN POLLACK

          Dumitru Tsepeneag: "Hotel Europa". Roman. Aus dem Rumänischen übersetzt von Ernest Wichner. Alexander Fest Verlag, Berlin 1998. 447 S., geb., 45,- DM.

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