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Rezension: Belletristik : Ein Prachtvillenelend

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Unumwunden: Olivia Kleinknechts "Liebeslohn"

          Olivia Kleinknecht traktiert uns in ihrem Erstlingswerk mit dem Fühlen und Tun zweier Frauen, die denselben Mann beanspruchen. Die verlassene Ehefrau, Signora genannt, hockt grollend in der leeren Familienvilla und haßt den ehebrecherischen Gemahl sowie dessen Geliebte Giulietta. Die Geschichte spielt in Florenz. Alle Protagonisten gehören den akademischen Kreisen an oder haben Berührung mit ihnen. Alle verfolgen Interessen der feineren Art. Die meisten der Romanpersonen haben ein elementares Verhältnis zur florentinischen Kunstwelt. Es gibt kaum ein Erlebnis, eine Schicksalswendung, bei denen der Betroffene nicht Gemälde oder Bildwerke assoziiert. Kein Zweifel, daß in solchen Partien die Schriftstellerin Kleinknecht von der bildenden Künstlerin Kleinknecht majorisiert wird. Man wünscht sich nach der Hälfte des Buches, die zwei Seelen in der Brust der Autorin würden ihren Kunstkampf ad acta legen.

          Olivia Kleinknecht liefert eine interessante Expertise über den Seelenzustand einer betrogenen Frau an der Schwelle des Alters. Die Signora, eine Endfünfzigerin, verkörpert den Prototyp der Ehefrau alter Schule, die ihr Leben dem Ehemann geweiht hatte und sich angesichts seiner Untreue als Nichts empfindet. Die Ehe der Signora mit ihrem Professore war nicht besonders glücklich. Aber darum geht es der Verlassenen nicht. Nach ihrer Auffassung lebten sie und ihr Mann gemäß einem gesellschaftlichen und individuellen Lebensvertrag, der beide band und nicht gebrochen werden durfte. Wer es dennoch tut, beschwört seine Vernichtung herauf und verdient sie. Solcher Strafaktion gilt das Trachten der Signora.

          Natürlich führen Bestrebungen derartig negativen Ursprungs kaum zu positiven Resultaten. Die Autorin läßt keinen Zweifel daran, daß die Rachetrunkene dabei ist, ihr eigenes Grab zu schaufeln. Am Ende hat sie ihren Professore erledigt, aber auch sich selbst. Ihre Tochter, Werkzeug und Lehrling der mütterlichen Machenschaften, wendet das Erlernte zum eigenen Nutzen an und vertreibt die Signora aus der Prachtvilla in ein jämmerliches Altenasyl.

          Eine Allerweltstragödie, die überzeugend und ergreifend wirkt. Sie wird komplettiert vom Porträt der Geliebten Giulietta. In dessen Zusammenhang gewahren wir das zweite Debakel des Romans. Was Wortwahl und Stil betrifft, scheint der zweite Erzählstrang dem ersten zu entsprechen. Doch bald wird klar, daß Giuliettas Geschichte anderer Art ist. Sie bedient jenes Publikum, das Peep-Szenen nicht nur vom Fernsehen, sondern auch von Büchern erwartet. Wir lernen die Ehebrecherin zwei Jahre nach den Signora-Ereignissen kennen. Da ist auch sie eine Verlassene. Der Professore befindet sich, den Rankünen seiner Frau zufolge, in der Pflegschaft seiner habgierigen Schwestern, und Giulietta, eine Mittdreißigerin ohne Studienabschluß, Verdienst und Berufschancen, haust in einem Elendsquartier. Als Rettung aus der Not winken ihr die Aussichten, die die Wa(h)re Liebe bietet. Giulietta vermietet sich als Prostituierte an ein Edelbordell und führt uns en detail vor, wie es da zugeht.

          Das könnten wir hinnehmen, hätte nicht die Autorin die Herkunft der Edelhure aus der akademischen Sphäre intensiv berücksichtigt. Sie überhöht die Bordellkarriere Giuliettas mit bedeutsamen Hintergründen, die der Florentiner Kulturwelt Rechnung tragen. Zur Einstimmung stattet sie die gescheiterte Studentin mit erotischen Träumen aus, in denen ein hochkultivierter Professore sein Sexualobjekt erhebt und erniedrigt, auf jeden Fall beglückt. Daß Giulietta, nur zwei Jahre nach dem Scheitern ihrer großen Liebe, nicht vom Signora-Gatten, sondern von einem seiner Kollegen träumt, muß der Leser schlucken oder das Buch beiseite legen. Schlucken muß er auch, daß das Bordell von einem dritten hochgebildeten Professore betrieben wird. Der hatte einst Giuliettas Traum-Professore begehrt, war von ihm mißachtet worden und möchte sich jetzt rächen. Als Waffe in seinem Gefühlskrieg ist Giulietta ausersehen, sie soll den Spröden umbringen. Das aber vermag sie dann doch nicht und ihr Auftraggeber schließlich ebenfalls nicht.

          Giulietta entkommt dem Bordell und kehrt in ihre Armutsbude und ihren alten Erotiktraum zurück. Wartet eine Zukunft auf sie? Die Autorin gibt darüber keine Auskunft. Sie schließt den Roman mit dem Abschiedswort des Signora-Gatten an Giulietta: "Wenn wir uns lieben, kann uns gar nichts passieren." Spätestens diese Botschaft signalisiert: Ein Liebesroman ist das nicht. SABINE BRANDT

          Olivia Kleinknecht: "Liebeslohn". Roman. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 1998, 253 S., geb. 38,- DM.

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