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Rezension: Belletristik : Ein Land, das seine Bürger verschlingt

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Das Ereignis einfacher Geschichten: Mit staunenswerter Sicherheit erzählt Ingo Schulze vom beiläufigen Unglück in der ostdeutschen Provinz

          8 Min.

          Im Februar 1990 fährt ein Bus nach Assisi. Noch ist die DDR ein souveräner Staat, seine Bürger erhalten in Straubing neue Papiere. Sie tragen Eier, Kaffee und Brot, Äpfel und Fleischkonserven in einer schwarzrot karierten Tasche von Thüringen nach Umbrien. Dort staunen sie sehr über sich selbst: "Plötzlich ist man in Italien und hat einen westdeutschen Paß." Eine Gondel zieht vorbei, ein Teller trägt das Bildnis Dantes, und die hohen Mauern eines gotischen Doms verschwinden im Nebel. Die Reisenden kommen aus dem Staunen nicht heraus: "Man befindet sich auf der anderen Seite der Welt und wundert sich, daß man wie zu Hause trinkt und ißt und einen Fuß vor den anderen setzt, als wäre das alles selbstverständlich." Der Roman, der mit dieser Geschichte beginnt, soll, wie man hört, der lang ersehnte Roman über das vereinigte Deutschland sein. Aber das ist falsch, weil es in diesem Buch Deutschland nicht mehr gibt. Es gibt nur Altenburg, eine kleine Stadt auf halber Strecke zwischen Leipzig und Zwickau.

          Im Bus nach Süden begegnen sich Ernst Meurer, noch ist er Rektor einer Schule, und der Lehrer Dieter Schubert, den die Parteitreue seines Vorgesetzten um die Stelle und ins Bergwerk brachte. Das unverhoffte Wiedersehen raubt erst dem einen, später auch dem anderen den Verstand. Hoch oben von einem Sims am Dom von Perugia, in Nebel gehüllt, ruft Dieter Schubert seine unerhörte Geschichte in die Welt. Unterdessen fällt eine Socke in den Schnee, der Bus muß repariert werden, und die Reisenden essen Pizza mit Pilzen. Keiner will einen Betrogenen schreien hören. Und wer immer von dieser fünftägigen Fahrt erzählt: Er nimmt nur Einzelheiten wahr. Das große Vokabular aus dem politischen Wörterbuch der deutschen Einheit ist ihm unendlich fremd.

          Die Geschichte von der Reise nach Assisi ist die erste von neunundzwanzig Miniaturen, aus denen Ingo Schulze ein erstaunliches Buch komponiert hat, das er "Simple Storys" nennt. Es rundet sich nur knapp zu dem "Roman aus der ostdeutschen Provinz", den der Untertitel verspricht. Denn diese Geschichten haben keine Helden, auch wenn der Leser am Ende des Buches eine ganze Menge über das Leben von Ernst und Renate Meurer, von Edgar Körner und Barbara Holitzschek, von Patrick und Jenny weiß. Sie alle treten auf und treten wieder ab, ihre Lebensläufe verbinden und trennen sich, manchmal dürfen die Leute für sich selbst sprechen, und manchmal erscheinen sie nur in der dritten Person. Ingo Schulze, 1962 in Dresden geboren, erzählt seinen Roman in Szenen, die wie Standbilder aus einem nicht gedrehten Film wirken. Eine jede Szene hat ihr Personal, aber in der Mitte steht keiner. Kein Mensch jedenfalls. Denn der Held dieses Romans ist ein Zustand. Es ist der Zustand der ostdeutschen Provinz, es ist das beiläufige Unglück an den löchrigen Stellen einer befriedeten Welt.

          Da ist zum Beispiel Hanni. Zuerst ist sie Chefin und sitzt auf einem Tisch im Naturkundemuseum. Dann ruft sie Barbara Holitzschek an und "kriegt die Krise", weil mit "fünfunddreißig zwei Drittel rum sind". Sie trennt sich von Detlef, klagt bei Marianne Schubert über Krach und Schlaflosigkeit und macht mit ihrem neuen Freund Christian Beyer, dem Chef eines Anzeigenblattes, eine Reise nach New York. Von ihm erfährt sie etwas vom Leben einer Fliege zwischen Fenster und Gardine. Die Fliege, so lautet die barocke Moral dieser Fabel, werde nur durch Zufall gerettet, "durch etwas, was gegen ihre Logik geht, denn ihre Logik besagt, daß sie da durch die Scheibe kommt. Und damit hört sie nicht auf, bis sie tot ist." Am Ende trinkt sie Grappa, bis der Bierdeckel voller Striche ist, torkelt Pit Meurer in die Arme und heiratet ihn. Tote Fliegen liegen auf dem Rücken, eine lag auf dem Bauch, und Hanni ist auch nur eine Geschichte.

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