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Rezension: Belletristik : Ein Greis von dreißig Jahren

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Rafael Chirbes lauscht den Schüssen des Jägers · Von Eckhard Heftrich

          Vor einigen Jahren schossen wie Pilze nach warmem Regen Romane aus dem Boden, in denen Söhne und Töchter den Eltern, vor allem den leicht zu belastenden Vätern, zur zweifelhaften Auferstehung ins kurzfristige literarische Leben verhalfen. Heute kann man sich kaum noch an die Titel erinnern. Jetzt droht eine neue Schwemme. Diesmal sind es die vorweggenommenen Monologe von Alten, mit denen meist auch nicht mehr ganz junge Autoren ihrer zerbröselnden Erinnerungen habhaft zu werden versuchen, indem sie sich ins todesnahe Greisenalter versetzen.

          Fällt das Ergebnis solcher Beschwörungen trist aus, so ist daran nicht der zeitliche Hiatus schuld, der zwischen dem Lebensalter der Verfasser und dem der literarischen Figuren klafft, sondern künstlerisches Unvermögen. Eine große Begabung kann durchaus über den Abgrund der Jahre gelangen. Von Tschechows Erzählungen gilt dem fast achtzigjährigen Thomas Mann die "Eine langweilige Geschichte" genannte als das faszinierendste Werk. Es habe an stiller, trauriger Merkwürdigkeit in aller Literatur nicht seinesgleichen und setzte schon dadurch in Erstaunen, daß die überwältigende Geschichte von einem jungen Menschen von noch nicht dreißig Jahren mit letzter Einfühlung einem Greis in den Mund gelegt sei.

          In der spanischen Literatur der Gegenwart findet sich der Beweis, daß auch heute ein jüngerer Autor nicht scheitern muß, wenn er seine Imaginationskraft an das Experiment verwendet, einen hinfälligen alten Menschen ins Labyrinth der Erinnerungen zu schicken. Dieses Wagnis ist Rafael Chirbes gelungen. Er hat seinem äußerst konzentrierten und klug komponierten Buch eine Notiz hinzugefügt, in der die genaue Entstehungszeit des Manuskriptes mitgeteilt wird: "Mai 1992 bis November 1993". Der Text selbst gibt sich als der ganz im Schatten des nahen Todes geschriebene Rückblick des Protagonisten, dessen Vornamen Carlos man nur nebenbei erfährt, so daß er sich nie vor das schreibende Ich schiebt.

          Nicht Nachlässigkeit, sondern erkennbare Absicht ist am Werk, wenn anstatt linearer Chronologie eine oft sogar gegenwendige Zeitenströmung vorherrscht. Diese immer wieder umschlagende Vergangenheit wird jedoch gelegentlich markiert: " . . . kaufte ich 1948 das Grundstück." - "Franco ist vor zwei Jahren gestorben." Andere Datierungen müssen vom Leser selbst erschlossen werden, wobei übers Ungefähre oft nicht hinauszukommen ist. Desto mehr sticht hervor, daß die Frage: "Warum habe ich zu schreiben begonnen?" so eingeleitet wird: "7. August 1992. Warum die Notizen in diesem Heft nicht datieren und es damit in eine Art Tagebuch verwandeln?" Das geschieht natürlich nicht, und gerade deshalb ist man zum Nachsinnen herausgefordert über die Funktion dieser exaktesten Zeitangabe des ganzen Textes. Sie signalisiert, daß der Autor und seine Figur gleichzeitig schreiben.

          Chirbes ist 1949 geboren. Um 1950 nähern sich die ersten harten Jahre des jugendlichen Aufsteigers Carlos in Madrid ihrem Ende, die "zweifelhaften Geschäfte" werden aufgegeben, das Haus wird gebaut, der Sohn geboren. Dieser Manuel wird dann zwar den Reichtum des väterlichen Bauunternehmers keineswegs verschmähen, wohl aber dem Alten neben vielem anderen auch nicht verzeihen, daß er allein durch dessen Verbindungen aus den Fängen von Francos Polizei wieder freikam. So bleibt der Sohn denn doch ein etwas fragwürdiger Richter über diesen Vater, in welchem er, und das nun nicht ganz zu Unrecht, den typischen, in jeder Hinsicht erfolgreichen Macho und Repräsentanten der unter Franco prosperierenden Geschäftswelt sieht.

          Der Lebenslauf von Carlos, der sich aus dem Text abstrahieren läßt, hätte ausgereicht für einen großen realistischen Roman. Wie aber der pralle Stoff mit wechselnden Schauplätzen, Atmosphären, Klassen und Personen samt allen Verstrickungen zur Materialbasis reduziert wird, ohne an Leben und Farbe zu verlieren, das verrät eine über das bloß Handwerkliche weit hinausreichende Meisterschaft. Indem es Chirbes gelingt, eine glaubhafte Welt mit lebendigen Gestalten noch in den Fragmenten von Erinnerung erstehen zu lassen, bewahrt er das Grundthema davor, sich in bloßen Reflexionssequenzen zu verlaufen.

          Nach immer neuen Wendungen wird das Grundthema im letzten Drittel des Textes in seiner kürzesten Fassung angeschlagen: "Die Wiederkehr der Zeit". Der ebenfalls des Verbums ermangelnde Originalsatz "El regreso del tiempo" klingt nicht nur härter, er verrät auch deutlicher, daß es sich gerade nicht um wiedergefundene Zeit im Sinne von Proust handelt. Denn regreso meint nicht nur Rück- oder Wiederkehr, vielmehr tönt auch hindurch, was wir im juristischen Sinn als Regreß bezeichnen, und es klingt selbst die Regression mit an.

          Das Beispiel zeigt, wo die natürlichen Grenzen einer Übersetzung liegen. Sie ganz aufzuheben gelänge nicht einmal durch eine kongeniale Leistung. Denn nicht nur für die Lyrik, auch für Prosa von Rang gilt, daß die Autoren aus der Sprache dichten, anstatt nur mit deren Hilfe zu denken. In unserem Fall bleibt die deutsche Version noch öfter hinter dem Original zurück, als es der Eigenwille der beiden Sprachen erzwingt. Zwar verhilft eine unbestreitbare Versiertheit der deutschen Fassung zu einer meist stolperfreien Eleganz, und die geglückte Übertragung vieler schwieriger Konstruktionen und Wendungen darf gerühmt werden.

          Desto bedauerlicher, daß vermutbare Eile die Übersetzerin nicht selten dazu verleitet haben dürfte, nach dem Nächsten zu greifen, was leider nicht immer das Beste ist, oder sich allzu direkt ans Original anzulehnen. Nicht "allein" redet einer, der laut mit sich selber spricht. Ein Lapsus, der noch störender auffällt, wenn es dann gar heißt: "Das Sprechen allein im Wachzustand . . ." In etlichen Fällen ergibt die allzu direkte Anlehnung ans Spanische schiefes Deutsch. Umgekehrt führt die Furcht, nicht zu "übersetzen", zur Verfehlung des Gemeinten, wenn das spanische fantasma im Sinne des sexuell stimulierenden Erinnerungs- und Vorstellungsbildes nicht mit dem im Deutschen längst eingebürgerten, präzisen Wort Phantasma wiedergegeben, sondern in "Gespenst" verwandelt wird.

          Daß der Gewinn, den Chirbes aus dem Unterschied zwischen recuerdos (Erinnerungen) und memoria schlägt, in der Übersetzung ganz verlorengeht, muß man wohl hinnehmen. Unverständllich bleibt aber, warum aus den "Schüssen" des Originaltitels der Schuß des Jägers wurde. Denn da dessen anderer Name Tod heißt, hat dieser Schütze, ehe er im letzten Satz noch einmal trifft, zuvor schon anderen die Kugel zugedacht. Ebendarum lauten die Schlußworte: " . . . no se oye nada." Dieses "Nichts", präzise vorbereitet durch ein nada, nunca kurz zuvor, ist nicht nur akustisch das letzte Wort. Es aufzulösen in "... ist die Stille lautlos" - das nimmt dem überlegen komponierten Text zuletzt noch einmal jene Härte, die zu seiner Modernität gehört.

          Rafael Chirbes: "Der Schuß des Jägers". Roman. Aus dem Spanischen übersetzt von Elke Wehr. Verlag Antje Kunstmann, München 1996. 117 S., geb., 29,80 DM.

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