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Rezension: Belletristik : Ein glühend Herz

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Am Hofmeisterpol zerschellt: Boehlendorff · Von Lothar Müller

          6 Min.

          Die Pfarrerin Giese aus Rodenpois sagt, der Primarius Heintze habe gesagt: "Möglich, daß er dort etwas gewesen ist, in Deutschland. Nun ist er hier, und man hat nichts von ihm. Das geht ja schon eine ganze Zeit so, die jungen Leute fliegen aus, mit den glänzendsten Gaben, wie man immer wieder hört, machen Furore, dort draußen, und kommen uns schließlich unzufrieden und ungerecht zurück, dafür läßt man nun studieren." In Johannes Bobrowskis knapper Erzählung "Boehlendorff" (1964) ist der Titelheld ein ungreifbares Gerücht, ein Gespenst der eigenen Vergangenheit schon zu Lebzeiten. An den Ufern der Livländischen Aa irrlichtert er herum, seine bizarren Kreditgesuche im Mitauischen Intelligenzblatt werden mit Kopfschütteln gelesen. Der Unwille, mit dem man im Pastorat zu Rodenpois über ihn spricht, klingt wie ein Echo auf das gereizt-resignierte Rechthaben, mit dem im Pastorat zu Dorpat das Scheitern eines anderen Kurländers im Westen, des Dichters und Dramatikers Jakob Michael Reinhold Lenz, verfolgt worden war.

          Für die Generation deutscher Intellektueller, der Casimir Ulrich Boehlendorff (1775 bis 1825) angehörte, war Friedrich Schlegels Satz geschrieben, die Französische Revolution, Fichtes Wissenschaftslehre und Goethes "Wilhelm Meister" seien die größten Tendenzen des Zeitalters. Aber das war nur der eine Pol: die explosive Mischung von politischem, philosophischem und poetischem Enthusiasmus. Der andere Pol, der Magnetberg, an dem so viele Aufschwünge zerschellten, war in Schlegels berühmtem Fragment aus der Zeitschrift "Athenäum" unerwähnt geblieben: die Hofmeisterexistenz. Sie war für die Generation, der Friedrich Hölderlin und sein Freund Boehlendorff angehörten, die vierte Tendenz des Zeitalters. Jakob Michael Reinhold Lenz hatte ihr, noch zu Zeiten des Sturm und Drang, ein Drama auf den Leib geschrieben, das er sarkastisch Komödie nannte. Und Johann Wolfgang Goethe hatte in seinem "Prometheus" eine Zeile geschrieben, die zur Aufladung der Spannung zwischen Enthusiasmus-Pol und Hofmeister-Pol beitrug: "Hast du's nicht alles selbst vollendet, / heilig glühend Herz?"

          Wir Heutigen sind mißtrauisch geworden gegen den Enthusiasmus der Dichter von damals, gegen die Freigiebigkeit, mit der sie sich selbst, der Poesie oder gar dem Vaterland Attribute wie "göttlich" und "heilig" zumaßen. Allzu viel Unfug ist hierzulande mit der Sprache des Überschwangs getrieben worden. Ungern hört man das demütige Stammeln, in das die frommen Verehrer Hölderlins gelegentlich verfallen, ebenso ungern das selbstgewisse Pathos derjenigen, die den deutschen Landsern seine Verse in den Tornister legten. Philologen wie Peter Szondi haben gezeigt, wie man sie dort wieder herausholt und zugleich der falschen Nähe der Poesiefrommen entzieht: durch die Wahrnehmung des Einschlags von Fremdheit in ihrem Überschwang. Er war gewissermaßen nicht zu Hause in der eigenen Muttersprache. Er musste nicht nur in Zungen, er musste in fremden Zungen, zumal der griechischen, sprechen, um das Deutsche auf die Gipfel jener Hymnen zu treiben, in denen er dem gestirnten Himmel nahe sein wollte. Das Deutschland, in dem diese Sprache nicht fremd gewesen wäre, hat es nie gegeben. In unserer Gegenwart ist sie vollends in jene stetig wachsenden Regionen eingegangen, in denen ganze Schichtungen sich unter der Rubrik "Deutsch als Fremdsprache" zusammenfinden.

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