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Rezension: Belletristik : Ein Geheimnis für München

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Für Tüftler: "Percy Warberger" will ein Genre wiederbeleben

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          Als das "Journal des Débats" 1842 dem bis dahin weniger als mittelmäßigen Romancier Eugène Sue anbot, den Roman "Die Geheimnisse von Paris" in täglichen Folgen zu veröffentlichen, entstand der Feuilleton-Roman, und Sue wurde zu einem in ganz Europa bewunderten und nachgeahmten Schriftsteller. Seine Unfähigkeit in der Entwicklung differenzierter Charaktere und glaubwürdiger Situationen und seine Inkonsequenzen in der Handlungsführung konnte er in dem neuen Genre in Vorzüge ummünzen. Das in den Abgründigkeiten der hypertroph wachsenden "Hauptstadt des neunzehnten Jahrhunderts" wild wuchernde Handlungsgeflecht erschien gebildeten wie weniger gebildeten Lesern als so grelle wie zutreffende Spiegelung der bürgerlichen Geldwirtschaft und der Industrialisierung mit ihren Folgen. So erwartete eine ganze Nation über ein Jahr jeden Morgen gespannt die neue Lieferung, und angeblich sollen Kranke bis zur Auflösung der Geschichte mit dem Sterben gewartet haben.

          Anderthalb Jahrhunderte später hat die "Süddeutsche Zeitung" das Experiment unter erschwerten Bedingungen wiederholt. Ein Romancier, Sten Nadolny, und zwei feuilletonerfahrene Kenner der Materie, Harald Eggebrecht und Michael Winter, schrieben als Percy Warberger abwechselnd 53 Folgen eines je in der Tagesaktualität europäischer Großstädte spielenden Kolportage-Romans. Herausgekommen ist eine wilde Geschichte voller weltliterarischer Anspielungen und ironischer historischer Selbstreflexion: "Romane werden gemeinhin deshalb gelesen, weil ihre Welten erklärbar sind. Erklärbar und übersichtlich. Gemeinhin. Nicht aber hier. Hier schauen wir in das wirkliche Leben, wo viele Geschichten zugleich anfangen und keine ordentlich endet."

          Obwohl die Autoren des Metier beherrschen und um Einfälle keinesfalls verlegen waren, sind kollektive Suchterscheinungen, wie sie Sue hervorrief, über München hinaus nicht bekannt geworden, und auch die nun erschienene Buchausgabe läßt den Leser bei aller Bewunderung für die Spieler eigenartig unberührt. Es ist so ähnlich wie bei Cool-Jazz-Aufnahmen: Man wird das Gefühl nicht los, daß die Sache den Musikern mehr Spaß gemacht hat als den Zuhörern. Angesichts der synergetisch-kombinatorischen Intelligenz Percy Warbergers fühlt sich der Leser zudem ziemlich einfältig und auch ein wenig von oben herab behandelt. Für Tüftlerinnen und Rätselfreunde mag sich das aber anders ansehen. FRIEDMAR APEL

          Percy Warberger: "Das große Spiel oder im Dickicht der Begehrlichkeiten". Roman. Albrecht Knaus Verlag, Berlin 1995. 280 S., geb., 39,80 DM.

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