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Rezension: Belletristik : Ein ganzes Leben auf losen Blättern

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          1 Min.

          Biographen sind eine hoffnungslose und deshalb besonders anregende Spezies. Sie geben den Versuch nicht auf, hinter dem Werk die Ahnung eines Autors aufscheinen zu lassen, dem man jede Zeile ursächlich zurechnen möchte, der Kaffee trank und prompt Weltliteratur dichten konnte. Je eintöniger das Leben und phantastischer das Werk, desto wagemutiger muß der Sprung des Biographen ausfallen. Im Falle Jean Pauls hat es solche gymnastischen Versuche gegeben, doch sind sie nicht ohne Verrenkungen abgelaufen. Am überzeugendsten hat sich noch Günter de Bruyn in ruhigem Ton um die Bayreuther Verschrobenheiten bemüht; Rolf Vollmann dagegen war zuviel mit sich selbst beschäftigt, um sich auch noch auf einen anderen einzulassen. Alle diese Nachgeborenen aber haben in einem Buch nachgelesen, das Lebensbeschreibungsmaterial in großer Fülle zusammengetragen hat. Im Jahr 1956 erschien in erweiterter Auflage das Buch "Jean Pauls Persönlichkeit in Berichten seiner Zeitgenossen", das der Herausgeber Eduard Berend mit Recht seiner großen Jean-Paul-Werkausgabe anfügte. Nicht nur sind in dieser Dokumentation noch viele ungehobene Anekdoten versammelt - so berichtet etwa Jean Pauls Neffe, wie sein Onkel einen schönen Quartband "mit dem trefflichsten weichen Papier" aus dem geheimen Gemach entfernen ließ, als er bemerkte, daß seine Familie die Blätter nicht nach der strengen Seitenzahl abriß. Wichtiger als diese Absonderlichkeiten aber ist, daß jeder Leser über die unverbundenen Briefe oder Tagebuchauszüge selbst zum Biographen werden muß. Denn wie läßt sich aus 366 verschiedenen Quellen, die von Freund und Feind, Verwandten und kaum Bekannten oft nach nur einem Besuch mitgeteilt werden, ein ganzes, einheitliches Leben konstruieren? Berend, der sich sein Forscherleben lang mit Jean Paul beschäftigte und wie kein zweiter dessen Schleichwege in die Schreibstube der Rollwenzelei kannte, hat darauf verzichtet. Seine Enthaltsamkeit hat sich mit einem Quellenband begnügt, der das Unvereinbare nebeneinanderstellt und so zum Echoraum aller Begegnungen wird. Näher sind auch spätere Biographen nicht an Jean Paul herangerückt.

          THOMAS WIRTZ

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