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Rezension: Belletristik : Ein Freund, ein Freund

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Wann sind diese Erzählungen geschrieben? Das Buch verrät es leider nicht. Eine, die Geschichte eines gescheiterten Papst-Attentats, wahrscheinlich die schwächste des Bandes, trug Arjouni bereits vor fünf Jahren auf Lesungen vor. Auch einige andere, wenn nicht alle dürften vor seinem Roman "Magic Hoffmann" entstanden sein. Zu groß scheint dafür die Heilserwartung zu sein, die Arjounis Figur Jürgen in der Erzählung "Das Innere" noch an das Schreiben eines Romans zu knüpfen vermag. Und zu lange sind die bunten "Zauberwürfel", denen man durch Drehen der Klötzchen einfarbige Seiten geben konnte, schon tief unten in den Spielzeugkisten verstaut, als daß man ihren suchtartigen Gebrauch heute noch so anschaulich beschreiben könnte. Ein bißchen also hat man den Eindruck, daß einem hier die Suppe serviert wird, nachdem man bereits den Hauptgang genossen hat; aber diese hier löffelt man gerne aus, denn sie ist noch heiß.

Kurzweiligkeit hat eben mitunter eine große Halbwertszeit. Doch damit unterscheidet sich Arjouni nicht von anderen deutschen Kurzweilern. Vielleicht sind ja Christian Kracht und Max Goldt bessere Trendforscher, Burkhard Spinnen das aufmerksamere Mitglied der Gesellschaft für deutsche Sprache, vom stetig anwachsenden Mitarbeiterstab in der Kantine des Hauses der deutschen Geschichte gar nicht zu reden. Doch all diese Herren hinterlassen coole Trübsal, alles ist zerfasert im "Faserland". Krachts saftige Beschreibungen der Lufthansa-Bordverpflegung und, auf ungleich pretiöserem Niveau, Spinnens ziselierte Schilderungen herunterkullernder Schräubchen vermögen in ihrer Detailversessenheit doch nicht darüber hinwegtäuschen, daß über eine dumpfe Schilderung der Einsamkeit hinaus keine Versuche unternommen werden, tiefergehende Fragen zu stellen, geschweige denn Antworten zu geben. "Wo komm' ich her, wo geh' ich hin, was ist der Sinn . . . Na ja, so Zeug eben", wie es der mafiose Berliner Immobilienmakler in Arjounis Erzählung "Schwarze Serie" stammelnd umschreibt.

Doch keine Angst. Moralin gehört nicht zu Jakob Arjounis poetischer Hausapotheke. Allein der "Papstbesuch" versucht ein bißchen gar zu viel, Dritte-Welt-Problematik, Papstkritik, Alkoholismus, Armut; frei nach dem Motto: "Ohne Jeans kann man leben, aber nicht ohne Stolz". Alle Handlungsfäden werden hier noch ganz ängstlich zusammengehalten durch ein großes Grundthema, das in diesem Fall leider darauf hinausläuft, daß die Scharfschützen, die Attentäter und die bestellte Jubelschar anläßlich des Papstbesuchs bei brüllender Hitze allein dadurch innig verbunden sind, daß sie Durst haben. In den anderen fünf Texten zeigt Arjouni dann weit süffiger, daß man weder ohne Jeans noch ohne Stolz leben kann. Deshalb muß der Regisseur die Beziehung zu dem gekauften Freund abbrechen, weil dieser zu einem richtigen zu werden droht, deshalb muß der kleine Killer sterben, weil er glaubt, daß ihn seine Freundin mit dem Chef betrügt, deshalb verläßt der junge Student frühmorgens seine adlige Frau, weil er ihre Demütigungen nicht länger ertragen kann. Allein durch das Vollenden seines Romans, so glaubt er, könne er seine Würde wiedererlangen. Um Stolz geht es hier also, um Verantwortung, um Freundschaft, Enttäuschungen, Werte und diese ganzen Sachen; eben um "Das Innere", wie eine Erzählung heißt. Und dieses Innere schält Arjouni nicht mühselig aus den Figuren heraus, sondern läßt es sie preisgeben in seinen scheinbar so mühelos daherkommenden Dialoge".

Dieses Stilmittel verhindert viel Unheil. Denn eigentlich müßte alles sehr schwermütig sein, vor allem auch die unaufgeregte Geschichte über den Städter, der auf ein gottverlassenes Dorf zieht, den verfallenen Gutshof liebevoll renoviert, um ihn dann eigenhändig in Schutt und Asche zu legen, als er erfährt, daß er bald sterben muß, damit "es nichts mehr gibt, wovon mich zu trennen mir schwerfallen würde", was natürlich nicht aufgeht. "Es klappt doch nicht", sagt er, bevor er stirbt. Daß der Leser hier sagen kann, daß es doch klappt, also daß es möglich ist, eine solche Geschichte zu erzählen, ohne in die hier überall gähnenden und tränenden Kitschschluchten abzurutschen, dafür gebührt Arjouni tatsächlich ein Ritterschlag. Zugleich beantragen wir für ihn die Aufnahme in den Orden wider den tierischen Ernst. "Und", um ihn ein letztes Mal zu zitieren, "sonst?" "Sonst nichts".

Jakob Arjouni: "Ein Freund". Geschichten. Diogenes Verlag, Zürich 1998. 162 S., geb., 29,90 DM.

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