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Rezension: Belletristik : Ein Fläschchen Frieden

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Primo Levi mißt die Schönheit und andere nützliche Dinge / Von Hubert Spiegel

          5 Min.

          Für den Techniker ist die Poesie eine einschüchternde Angelegenheit: "Kontrollgeräte und Warnsignale sind im Handwerk des Schreibens nur rudimentär ausgebildet, nicht einmal zu Winkeldreieck und Senkblei gibt es ein zuverlässiges Gegenstück." Die Klage, die Primo Levi 1978 in dem Roman "Der Ringschlüssel" (deutsch 1992) seinem Alter ego in den Mund legte, ist nicht ganz ernst gemeint, hat aber einen ernsten Kern. Denn Levi, der promovierte Chemiker, der seinen Beruf in einer Turiner Farbenfabrik bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1974 ausübte und sich erst dann ganz der Literatur widmete, blieb auch als Schriftsteller ein Naturwissenschaftler und Techniker, der die klare Sprache zum Ideal erhob und sich den "Arbeitsbericht" zum literarischen Modell wählte.

          Der "Schriftsteller wider Willen", wie er sich selbst genannt hat, begann mit dem Schreiben, um eine "Bürde grausiger Erinnerungen" abzutragen. Seine beiden ersten Bücher, "Ist das ein Mensch?" (1958; deutsch 1961) und "Die Atempause" (1963; deutsch 1991), waren Zeugnisse dessen, was Levi in Monowitz-Buna, einem Außenlager von Auschwitz, und bei der anschließenden Rückkehr nach Italien, einer beschwerlichen Odyssee durch halb Europa, erlebt hatte. Levi, Jahrgang 1919, schrieb unter der Last der Erinnerung, aber auch in dem Gefühl der Verantwortung gegenüber den Toten der Konzentrationslager, die er als die "wirklichen Zeugen" verstand, jene nämlich, "die den tiefsten Punkt des Abgrunds" berührt und das Haupt der Medusa erblickt hatten - "Wir Überlebenden sind nicht nur eine verschwindend kleine, sondern auch eine anomale Minderheit". Die Scham, zu dieser Minderheit zu gehören, die durch Glück, Zufall oder Schlimmeres überlebte, hat Primo Levi nicht mehr verlassen. Sein Werk entstand in der Gewißheit, daß es für die Überlebenden von Auschwitz keine andere Wahrheit als das Lager mehr geben würde.

          Unter dem Eindruck der autobiographischen Texte, die zu den wichtigsten literarischen Zeugnissen des Holocaust gehören, haben die Erzählungen, die Primo Levi seit Mitte der sechziger Jahre veröffentlichte, nur wenig Beachtung gefunden. Sie handeln von sinnreichen Erfindungen wie dem "Reimwerker", einer mechanischen Arbeitshilfe für Lohndichter, und erklären, wie es kam, daß der Mensch nicht als Vogel erschaffen wurde, obwohl manches durchaus dafür gesprochen hätte. Sie beschreiben, was passiert, wenn das europäische Fernsprechnetz ein eigenes Bewußtsein entwickelt oder junge Damen einer Tiefkühltruhe entsteigen, in der sie sich vor mehr als einem Jahrhundert zur Ruhe gebettet haben. 1967, als die erste Mondlandung bevorstand, verabschiedete Levi seufzend ein ehrwürdiges literarisches Motiv und huldigte mit einem auf dem Mond verfaßten Forschungsbericht über den Planeten Erde seinen literarischen Vorläufern Lukian, Voltaire, Swedenborg, Poe und Wells.

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