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Rezension: Belletristik : Ein Fischstäbchen soll schwimmen

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Jean Echenoz erzählt von einem Mann, der sein Wort hielt und ging · Von Eberhard Rathgeb

          Der französische Schriftsteller Jean Echenoz erhielt 1999 für seinen Roman "Ich gehe jetzt" den Prix Goncourt. 1983 reüssierte er mit seinem Roman "Cherokee" bei der französischen Kritik, und vier Jahre darauf gelang ihm mit dem Roman "Ein malaysischer Aufruhr" der sogenannte internationale Durchbruch. Man lobte seine Kunst des Verwirrspiels, den leichtfüßigen Wechsel der leichtfüßigen Genres, vom Abenteuerroman zum Kriminalroman und zurück, seinen kalten Humor und seine den lauwarmen Moden schmunzelnd entkommende Sprache. Wie hätte man seine neue Geschichte nicht mit etwas Spannung erwarten sollen?

          Jean Echenoz erzählt aus dem Leben eines Galeristen, der eines Abends, an einem Sonntag im Januar und lieber heute als morgen, seine Frau nach fünf gemeinsam hinter sich gebrachten Jahren verläßt. Ein Mann, ein Wort: Ich gehe jetzt! Von wegen rasch mal die Treppe runter, nur um Zigaretten zu holen, und dann nicht wieder rauf in die verstellte Gegenwart, sondern zum Flughafen und zum Beispiel nach New York oder Hawaai! Davon konnte Udo Jürgens ein Lied singen. Der Galerist Ferrer, der sagte, was er wollte, ging nicht nach San Francisco, um am Strand wenigstens ein einziges Mal mit zerrissenen Jeans hin und her zu rennen. Er brach, mückensicher eingepackt, ins nordische Eis auf, und zwar unter der Führung zweier waschechter Eskimos, die ihm, er wußte es wirklich nicht, auf dem langen Weg zum einhunderttausendsten Mal erzählten, daß es für Schnee in ihrer Sprache sage und schneie rund achtzig Wörter gibt. Die Eskimos hatten es frostdick hinter den Ohren. Was will aber der Kunstfreund dort oben im Eis? Er möchte, wie seine Vorgängerin Smilla mit ihrem Gespür für Schnee, etwas finden, und zwar, eine berechnete Abwechslung muß sein, einen Kunstschatz, der in einem Schiff liegt, wie die Pizzen in der Tiefkühltruhe. Die Bergung des kalten Schatzes gelingt ohne Hickhack und Hackebeil, und keiner kommt zu Schaden.

          Randvolle Kisten schleppt der Galerist heim nach Paris. Dort besteht ein Teil der Bevölkerung aus Frauen, die sich unterteilen lassen in a) die Frauen, die sich umdrehen, nachdem man sich von ihnen verabschiedet hat und sobald sie die Treppe zur Metro hinuntersteigen, und in b) die Frauen, die sich nicht umdrehen, nachdem man sich von ihnen verabschiedet hat und sobald sie die Treppe zur Metro hinuntersteigen. Das ist selbstlaufend eine kunstsinnige Anspielung auf alle französischen Filme, in denen sich Frauen, nachdem sich ihre Liebhaber von ihnen verabschiedet haben und sobald sie die Metrotreppen hinuntersteigen, entweder a) umdrehen oder b) nicht umdrehen. In dieser ob dem letzten Blick der Treppenhinuntersteigerinnen wieder unmittelbar vor Augen geführten Stadt angekommen, verwahrt der Held seinen Fund nicht im Tresor. Wieso auch! Ein nicht gesicherter Schatz läßt sich leichter klauen als einer, den man in einen Tresor gestopft hat. Die Handlung geht nur weiter, wenn die Kunst vor dem Leben nicht in Gewahrsam genommen wird. Aus dem Südfranzösischen, wo er seit Wochen durch Hotelzimmer wandert, um sich ein Alibi zu verschaffen, ruft ein Mensch mit böser Absicht seinen Kompagnon an. Der Kompagnon mietet einen Kühlwagen, fährt beim Galeristen vor - wo eine Galerie ist, da ist auch ein Parkplatz -, trabt kunstfern rein in die Hallen der Kunst, schaut sich um, packt kräftig an, trägt behend heraus und fährt ab. Sieht man die Bilder? Wie anstrengend stellt man sich, wenn man im Kino dabei zuschaut, einen Kunstraub vor!

          Der Hotelalibist eilt in die Stadt der die Metrotreppen hinabsteigenden und manchmal Blicke wieder hinaufwerfenden Frauen zurück, läßt die schweren Truhen aus dem Kühltransporter hiefen und sperrt statt dessen dort den Handlanger ein, was dem nicht bekommt, weil er im rollenden Kasten eingefroren wird. Eine Anspielung auf alle Filme, in denen ein Kühlwagen die Hauptrolle auf vier Rädern spielt? Der Handlager ist nun eisetot. Dem Galerist aber fällt es wie Schnee von den Augen, und er findet den Dieb, der sich als der gute Bekannte entpuppt, der den Galeristen mit der Nase auf den Schatz im Eissee gestoßen hat.

          Welches Wort haben die Eskimos für den aus einer Schneekanone geschleuderten Schnee? Eine Welt, in der es schneien müßte, damit man die Spuren sieht, die jemand hinterläßt, ist in den Augen schreibender Schneekanonisten eine Piste für Rolle und Reiz, Kitsch und Klischee. Das garantiert die kunsthandwerkliche Kälte, aus der die Anspielungen kommen und dank der sich die menschlichen Schnellgerichte über einen Tag hinaus erhalten sollen. Doch ein Fischstäbchen ist ein Fischstäbchen ist ein Fischstäbchen - kein Fisch. Da hilft es nicht, wenn man mit flockigen Einschüben - "ich glaube" und "so ging es weiter" und "sagen wir mal" - das Fischstäbchen an den Seiten piesackt und ihm das Eiswasser, in das man selbst es geworfen hat, ein wenig abgräbt: "Unterdessen sitzt Ferrer immer noch vorm Bier in der Sonne, einem gleichen Bier, nicht demselben, denn er hat zwar das Viertel nicht verlassen, aber das Lokal gewechselt." Ja, das Bier, wie der Schnee und die Schneemänner der Kunst: zuerst ist es dasselbe, darauf ein anderes und bleibt nur das gleiche.

          Jean Echenoz: "Ich gehe jetzt". Roman. Aus dem Französischen übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel. Berlin Verlag, Berlin 2000. 187 S., geb., 39,80 DM.

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