https://www.faz.net/-gr3-6qi2b

Rezension: Belletristik : Ein Felsen kahl und bloß

  • Aktualisiert am

Napoleon auf Sankt Helena · Von Gustav Seibt

          Die Insel Sankt Helena ist einer der von allem übrigen Festland am weitesten entfernten Punkte der Erde. Auf diesen schwer zugänglichen Ort verfrachteten die Engländer 1815 den zum zweiten Mal besiegten Kaiser Napoleon, den sie damit zu einer fortdauernden Weltgefahr stempelten. Das letzte Kapitel von Napoleons Leben wirkt so ausdrucksstark wie die vorangegangenen. Es trägt ein fast antikes Gepräge, denn wann wären seit den Tagen des Themistokles oder der römischen Bürgerkriege gestürzte Herrscher oder Feldherren so weit weg in die Wüsten von Land und Meer verbannt worden?

          Noch sechs Jahre lebte der Heros und Erbe des europäischen Revolutionszeitalters, der Weltgeist zu Pferde (sein letztes, ihn auf die Insel begleitendes Pferd überdauert ausgestopft im Pariser Armeemuseum), gefesselt auf die von einem gezackten Basaltring umgegebene Vulkaninsel, ein Prometheus, an dessen Leber die Raubvögel der Langeweile, der Erinnerung und der Krankheit fraßen. Damals schon glich das Sankt Helena dem Eiland Tristan da Cunha, der Insel Felsenburg, die Chamisso in einem einst berühmten Gedicht feierte: "Salaz y Gomez raget aus den Fluten / des stillen Meers; ein Felsen kahl und bloß, / verbrannt von scheitelrechter Sonne Gluten."

          Die letzten fünf Jahre dienten in der Biographie des abgesetzten Kaisers der Erstellung einer zukunftsträchtigen Legende, die seine letzten Mitarbeiter als "Memorial von Sankt Helena" nach Europa zurückbrachten, bevor 1840 die Leiche Napoleons selbst nach Frankreich überführt wurde und im Pariser Invalidendom ihren prunkvollen Schrein fand. Der gefesselte Prometheus, bei dessen Tod der alte Kontinent aufatmete - hörbar bis heute in Manzonis Ode "Der fünfte Mai" -, lebte hier als Märtyrer, der sich schon zu Lebzeiten in das Steinbildnis zu verwandeln schien, das dann drohend über dem ganzen neunzehnten Jahrhundert stand.

          Der Kunstgriff, mit dem die englische Schriftstellerin Julia Blackburn diesen längst zum schaurigen Öldruck gewordenen Stoff neu belebt und auf menschliches Maß gebracht hat, ist so einfach wie wirksam. Sie erzählt die teils tragische, teils jämmerliche, vom Parteienstreit verzerrte Episode von Napoleons Gefangenschaft nicht von der Biographie des Kaisers aus, sondern macht die Geschichte dieser gottverlassenen Insel zum Ausgangspunkt ihres Buches. Mit hinein nimmt die Erzählerin den Bericht von ihrer eigenen Reise an den ominösen Ort. Sucht man eine literarische Parellele, dann drängt sich der Vergleich mit einem der schönsten Stücke aus den "Wanderjahren in Italien" von Ferdinand Gregorovius auf, dem über Capri. Wie Julia Blackburns Buch verbindet es die Historie einer Insel mit dem Porträt eines tyrannischen Kaisers (des Tiberius) und der Reiseerzählung des nachdenklichen Besuchers.

          Daraus entsteht etwas ganz Eigentümliches, ein sonderbares Gemisch aus Natur- und Menschengeschichte, wie es reizvoller kaum gedacht werden kann. Julia Blackburn ist, absolut gesehen, vielleicht keine ganz große Autorin, aber sie hat einen großen Stoff mit einer originellen Erzählweise so geschickt verknüpft, daß man ihr selbst über einige Längen im letzten Viertel freudig folgt. Am Ende findet man sich mit einem so starken Eindruck belohnt, daß man über Weltgeschichte, Weltgeist und all das Elend dahinter etwas anders denkt als zuvor.

          Zuerst erzählt Blackburn die Naturgeschichte des Eilands, den vulkanischen Ursprung, die Ausbildung einer eigenen paradiesischen Flora und Fauna über einen Zeitraum von Millionen von Jahren. Ein winziger grüner Fleck in der Wasserwüste des Atlantik war die Insel, als portugiesische Seefahrer sie am Beginn der Neuzeit entdeckten. Ein portugiesischer Einsiedler, der dort zurückgelassen wurde, lebte wie im Garten Eden von dem, was auf den Bäumen wuchs. Es gab zunächst weder Raubtiere noch Krankheiten. Erst von den Menschen wurden die Ratten und Flöhe eingeschleppt, die Napoleon später das Leben schwermachten.

          Mit der wirtschaftlichen Ausbeutung durch die Ostindische Handelskompanie begann ein Kahlschlag, der zu Napoleons Zeiten schon so weit fortgeschritten war, daß dieser Mühe hatte, um sein windumtostes, auf einer kahlen Ebene gelegenes Domizil einen Garten anzulegen.

          Schon damals muß die Insel ökologisch halbtot gewesen sein, und ihre heroische Nacktheit war ein Resultat jener Weltgeschichte, als deren Verkörperung der abgesetzte Kaiser Frankreichs das geplünderte Paradies betrat. Julia Blackburn aber erzählt auch seine Geschichte nicht als historische Episode. Minutiös referiert sie das körperliche Befinden ihres Helden, zählt seine Leiden, seine Speisen, die Riten seiner Körperpflege, seinen Schlafrhythmus auf und beschreibt den Ablauf seiner Tage. Napoleon erscheint wie eine Drohne, um deren Leben sich alle anderen Wesen auf der Insel kümmern müssen. Unter den Fundamenten seines Hauses aber flitzen die Ratten, und die Natur dringt durch die Wände in Form des Schimmels, der die Tapeten zerstört und die Wandfarben abblättern läßt.

          Geschichte erscheint hier nur noch als geisterhafte Erinnerung und als Posse. Mit den Kindern seines ersten Gastgebers spielt Napoleon Geist, indem er sich ein Laken über den Kopf zieht. So schrien die Geister der Gefallenen auf seinen Schlachtfeldern nach ihren Gliedmaßen, erklärt der Feldherr seinen Spielgefährten. Oft brütet er tagelang über den Plänen seines letzten Feldzugs und sucht nach dem entscheidenden Fehler. Noch immer wird ein Hofritual befolgt, und niemand darf den Kaiser von sich aus ansprechen. Er verteilt Münzen mit seinem Bildnis und speist von Porzellan, auf das seine Geschichte gemalt ist. In den ersten Jahren diktiert Napoleon Memoiren. Gierig stürzt er sich auf die Zeitungen, die alle paar Monate aus der Heimat nach Sankt Helena kommen. Um sein Haus und seine Liegenschaft patrouillieren von ferne englische Soldaten; hätte er den Versuch unternommen, zu fliehen, so hätte Kanonendonner die ganze Insel alarmiert. Ein massiver Bergzug gilt als Abbild von Napoleons Profil.

          Der Detailreichtum des Buches ist schier unerschöpflich. Schritt für Schritt begleitet Julia Blackburn den Kaiser durch alle Krankheiten zum Tod. Der Mann, der behauptet hatte, die Politik sei das Schicksal, wird dabei immer kreatürlicher. Napoleon verwandelt sich von einer historischen Figur in ein Naturwesen. Die Erzählerin läßt die Geschichte von Napoleons Sterben und den Bericht von ihrer Reise auf die Insel parallel laufen. Die beiden Wege treffen zusammen bei dem Grab, das die Erzählerin leer findet, in das Napoleons Leiche zunächst aber mit jämmerlichem Pomp verschlossen worden war.

          Sankt Helena erscheint heute noch trostloser als zur Zeit von Napoleons Gefangenschaft. Das Gefühl eines lautlosen Untergangs befällt die Besucherin: "Ich blicke zurück auf die Landschaft von Sandy Bay und kann nur nackte Erde sehen, wo einmal Bäume wuchsen." Überall liegt Abfall herum, Plastikrohre und rostende Autowracks. Der Sand der Strände ist für die Herstellung von Zement verbraucht worden. Die Menschen verarmen und werden ungesellig. Sie kommen nicht mehr zu Tanz und Spiel zusammen, sondern hocken vor ihren Fernsehgeräten. Es gibt kaum noch Jahreszeiten, da die kahle, im ewigen Wind liegende Insel keine Ernten mehr hervorbringt.

          Dieses Bild, so sagt man sich zum Schluß, zeigt das Ende der Geschichte. Über Jahrmillionen baute die Natur einen lebenden Fleck Erde inmitten einer wüsten Einsamkeit auf, dann raste der Mensch darüber, fraß in wenigen erdgeschichtlichen Sekunden alles weg, und nun mündet alles in Armut, Stumpfheit und Gleichgültigkeit. Daß hier mit Napoleon einst die Verkörperung der Weltgeschichte mit all ihren Versprechungen auf Selbstbestimmung des menschlichen Schicksals hauste, diese tragische Ironie trägt Julia Blackburns Buch. Ihr Sankt Helena ist ein Gleichnis für den winzigen Planeten, auf dem wir leben. Wenn er völlig kahl geworden ist, wird die Natur alle Geschichte wieder verschluckt haben. Dann wird auch keine Erinnerung mehr sein.

          Julia Blackburn: "Des Kaisers letzte Insel". Napoleon auf Sankt Helena. Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Isabella König. Berlin Verlag, Berlin 1996. 303 S., geb., 39,80 DM.

          Weitere Themen

          Grönland steht nicht zum Verkauf – oder?

          Trumps Idee : Grönland steht nicht zum Verkauf – oder?

          Donald Trump überlegt offenbar, Grönland zu kaufen. Was sich wie eine Schnapsidee anhört, könnte sich als ein strategischer Coup erweisen – wenn Eigentümer Dänemark denn zustimmt. Bisher sieht das schlecht aus.

          Topmeldungen

          Proteste in Hongkong : „Wenn sie kommen, gehen wir einfach nach Hause“

          Hunderttausende protestieren in Hongkong gegen die chinesische Regierung. Von Einschüchterungen aus Peking und der Drohung, die Proteste mit Gewalt niederzuschlagen, lassen sie sich nicht einschüchtern.
          Roboter und Algorithmen übernehmen immer mehr unserer Arbeit, deswegen muss sich auch die Art der Altersversorgung ändern.

          Die DigiRente : Neue Altersvorsorge für die digitale Ära

          Wie die Menschen beim Einkaufen zu Anteilseignern digitaler Maschinen und Algorithmen werden und damit sinnvoll Altersvorsorge betreiben und Vermögen bilden können. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.