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Rezension: Belletristik : Ein Felsen kahl und bloß

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Schon damals muß die Insel ökologisch halbtot gewesen sein, und ihre heroische Nacktheit war ein Resultat jener Weltgeschichte, als deren Verkörperung der abgesetzte Kaiser Frankreichs das geplünderte Paradies betrat. Julia Blackburn aber erzählt auch seine Geschichte nicht als historische Episode. Minutiös referiert sie das körperliche Befinden ihres Helden, zählt seine Leiden, seine Speisen, die Riten seiner Körperpflege, seinen Schlafrhythmus auf und beschreibt den Ablauf seiner Tage. Napoleon erscheint wie eine Drohne, um deren Leben sich alle anderen Wesen auf der Insel kümmern müssen. Unter den Fundamenten seines Hauses aber flitzen die Ratten, und die Natur dringt durch die Wände in Form des Schimmels, der die Tapeten zerstört und die Wandfarben abblättern läßt.

Geschichte erscheint hier nur noch als geisterhafte Erinnerung und als Posse. Mit den Kindern seines ersten Gastgebers spielt Napoleon Geist, indem er sich ein Laken über den Kopf zieht. So schrien die Geister der Gefallenen auf seinen Schlachtfeldern nach ihren Gliedmaßen, erklärt der Feldherr seinen Spielgefährten. Oft brütet er tagelang über den Plänen seines letzten Feldzugs und sucht nach dem entscheidenden Fehler. Noch immer wird ein Hofritual befolgt, und niemand darf den Kaiser von sich aus ansprechen. Er verteilt Münzen mit seinem Bildnis und speist von Porzellan, auf das seine Geschichte gemalt ist. In den ersten Jahren diktiert Napoleon Memoiren. Gierig stürzt er sich auf die Zeitungen, die alle paar Monate aus der Heimat nach Sankt Helena kommen. Um sein Haus und seine Liegenschaft patrouillieren von ferne englische Soldaten; hätte er den Versuch unternommen, zu fliehen, so hätte Kanonendonner die ganze Insel alarmiert. Ein massiver Bergzug gilt als Abbild von Napoleons Profil.

Der Detailreichtum des Buches ist schier unerschöpflich. Schritt für Schritt begleitet Julia Blackburn den Kaiser durch alle Krankheiten zum Tod. Der Mann, der behauptet hatte, die Politik sei das Schicksal, wird dabei immer kreatürlicher. Napoleon verwandelt sich von einer historischen Figur in ein Naturwesen. Die Erzählerin läßt die Geschichte von Napoleons Sterben und den Bericht von ihrer Reise auf die Insel parallel laufen. Die beiden Wege treffen zusammen bei dem Grab, das die Erzählerin leer findet, in das Napoleons Leiche zunächst aber mit jämmerlichem Pomp verschlossen worden war.

Sankt Helena erscheint heute noch trostloser als zur Zeit von Napoleons Gefangenschaft. Das Gefühl eines lautlosen Untergangs befällt die Besucherin: "Ich blicke zurück auf die Landschaft von Sandy Bay und kann nur nackte Erde sehen, wo einmal Bäume wuchsen." Überall liegt Abfall herum, Plastikrohre und rostende Autowracks. Der Sand der Strände ist für die Herstellung von Zement verbraucht worden. Die Menschen verarmen und werden ungesellig. Sie kommen nicht mehr zu Tanz und Spiel zusammen, sondern hocken vor ihren Fernsehgeräten. Es gibt kaum noch Jahreszeiten, da die kahle, im ewigen Wind liegende Insel keine Ernten mehr hervorbringt.

Dieses Bild, so sagt man sich zum Schluß, zeigt das Ende der Geschichte. Über Jahrmillionen baute die Natur einen lebenden Fleck Erde inmitten einer wüsten Einsamkeit auf, dann raste der Mensch darüber, fraß in wenigen erdgeschichtlichen Sekunden alles weg, und nun mündet alles in Armut, Stumpfheit und Gleichgültigkeit. Daß hier mit Napoleon einst die Verkörperung der Weltgeschichte mit all ihren Versprechungen auf Selbstbestimmung des menschlichen Schicksals hauste, diese tragische Ironie trägt Julia Blackburns Buch. Ihr Sankt Helena ist ein Gleichnis für den winzigen Planeten, auf dem wir leben. Wenn er völlig kahl geworden ist, wird die Natur alle Geschichte wieder verschluckt haben. Dann wird auch keine Erinnerung mehr sein.

Julia Blackburn: "Des Kaisers letzte Insel". Napoleon auf Sankt Helena. Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Isabella König. Berlin Verlag, Berlin 1996. 303 S., geb., 39,80 DM.

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