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Rezension: Belletristik : Ein antisemitischer Affektsturm

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In der öffentlichen Diskussion um Martin Walsers neuen Roman "Tod eines Kritikers" haben sich zwei Dinge vermischt, die es auseinanderzuhalten gilt. Einmal ist der Roman eine Phantasie über einen prominenten Literaturkritiker, der Züge - freilich karikaturhaft verzerrt - Marcel Reich-Ranickis trägt. Dieser, ...

          In der öffentlichen Diskussion um Martin Walsers neuen Roman "Tod eines Kritikers" haben sich zwei Dinge vermischt, die es auseinanderzuhalten gilt. Einmal ist der Roman eine Phantasie über einen prominenten Literaturkritiker, der Züge - freilich karikaturhaft verzerrt - Marcel Reich-Ranickis trägt. Dieser, so heißt es im Roman, sei ermordet worden, und zwar von einem zuvor im Zuge einer Fernsehsendung verrissenen Autor. Er ist dann doch nicht ermordet worden. Marcel Reich-Ranicki und seine Frau haben das Warschauer Getto und anschließend in einem Versteck überlebt, wie, das hat er selbst in seiner Autobiographie geschildert. Einen Menschen, der einen Mordversuch überlebt hat - man kann hinzufügen: nicht nur durch Mut und Geschick, sondern auch mit sehr viel Glück -, zum Gegenstand einer veröffentlichten Mordphantasie zu machen, ist eine soziale Roheit, die das Werk, in dem das geschieht, von vornherein disqualifiziert, es mag ansonsten beschaffen sein, wie es will. Darum konnte man, auch ohne es zu lesen, allein aufgrund der Informationen, die der Autor selbst gab, zu dem Urteil kommen, dies Buch sei eine literarische Barbarei.

          Auf den Vorwurf Frank Schirrmachers, der "Tod eines Kritikers" sei antisemitisch, hat Martin Walser empört geantwortet, wenn Schirrmacher dieses und jenes Attribut, das er, Walser, seiner "André Ehrl-König" genannten Zentralfigur mitgegeben habe, für typisch jüdisch halte, sei doch wohl er, Schirrmacher, der Antisemit. Wie kann ein - seine Essays beweisen es doch - im Denken nicht ungeübter Autor etwas so offensichtlich Unsinniges von sich geben? Folgte man Walser, wäre jeder, der eine "Stürmer"-Karikatur als antisemitisch identifiziert, selber ein Antisemit, weil er unterstellte, daß alle Juden krumme Nasen hätten. Wo das Denken so entgleist, sind, das lehrt die Lebenserfahrung, starke Emotionen am Werk, und man wird die Hypothese wagen können, daß sie auch im Buch ihren Ausdruck gefunden haben.

          Aber bevor diese Hypothese überprüft werden soll, muß etwas Technisches geklärt werden. Walser hat klar gesagt, daß Reich-Ranicki Material zur Figur des Ehrl-König gegeben habe, aber die Figur sei darauf nicht reduzierbar - auch Joachim Kaiser hat das betont. Die Frage ist also: Verhält sich Ehrl-König zu Reich-Ranicki wie sich Thomas Manns Figur Naphta zu Georg Lukács verhält? Es ist richtig, daß Thomas Mann nicht nur in diesem Fall das Spiel mit Ähnlichkeiten exzessiv gespielt hat, auch zuweilen über das Maß des mitmenschlich Vertretbaren hinaus, aber der Unterschied ist eklatant. Er besteht nicht nur darin, daß der "Zauberberg" ein großes Kunstwerk ist und der "Tod eines Kritikers" nicht. Wer immer den "Zauberberg" liest und nicht weiß, daß Naphta physiognomische Züge von Georg Lukács trägt, dem fehlt nichts bei der Lektüre, und auch für den, der es weiß, tritt diese, tatsächlich nicht sonderlich wichtige, Information schnell in den Hintergrund. Das liegt daran, daß Naphta eine in sich stimmige und geschlossene Figur ist und daß alles, was an ihm sonderbar oder befremdlich auf den Leser wirken mag, zur Steigerung einer bedeutungsvollen Individualität dient.

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