https://www.faz.net/-gr3-uaex

Rezension: Belletristik : Ein amerikanisches Handorakel

  • Aktualisiert am

Blümlein am Wegesrand: Louis Begley erzählt von Mistlers Abschied

          Der Mann hatte seine Diagnose erhalten, und sie lautete auf Leberkrebs. Kurz darauf flog er nach Venedig, dort lief er Geschäftsfreunden über den Weg, leistete sich eine nicht sehr appetitliche Affäre mit einer Fotografin. Die Tizians hingen alle noch an ihren Orten, und die Kellner in seinen bevorzugten Restaurants kannten ihn nach wie vor, aber die Kulisse der Stadt wurde ihm Tag für Tag fremder.

          Dann trifft er nach mehr als dreißig Jahren eine College-Freundin wieder. Bunny Cutler nennt sie sich jetzt, und sie lebt in einem Palazzo auf der Giudecca. Sie gehört zu jenen Frauen, die man liebte, aber nie bekam. Begegnet man ihnen, ist der Zauber in einer Sekunde wieder da. Bunny meint es gut mit dem Moribunden. Als sie ihr Kleid öffnet und er zugreifen darf, bekommt Thomas Mistler kalte Hände, und Bunny meint, er habe sich nicht verändert.

          "Zu spät" lautet das Fazit dieser Begegnung, ein Verdikt, das auch der Held von "Der Mann, der zu spät kam" sich oft sagen lassen mußte und das auch der glücklichere Schmidt aus Begleys letztem Buch fürchtete. Nicht daß Thomas Mistler sich Illusionen über seinen Zustand gemacht hätte, sein Todesurteil akzeptierte er, als er die Therapievorschläge seines Arztes zurückwies. Aber Venedig, diese "leeren Tage" in der Stadt der Liebe und des Todes, sie sollten eine "Befreiung" von den gesellschaftlichen, moralischen und geschäftlichen Verpflichtungen werden, und sie waren vielleicht nur der letzte Selbstbetrug, ein nicht glücken wollender Versuch, das grandiose Selbstbild des grandiosen Mistler im Sterben und über den Tod hinaus aufrechtzuerhalten.

          Im Grunde müßte das erinnerungsverkitschte Venedig längst zu einem literarischen Sperrgebiet erklärt werden, gäbe es nicht Autoren wie Louis Begley, die es zum Ort ironischer, wenn auch trauriger Camouflagen machten. Die Chronik von Mistlers letzten Tagen ist ein erzählerischer "Zerfall", der sämtliche Facetten des Mythos dieser Stadt aufblitzen läßt und sie auch wieder verdunkelt. Thomas Hooker Mistler III ist der Sohn eines New Yorker Investmentbankers. Er ist Mitglied der richtigen Clubs, und er hat einen Sitz in den wichtigen Wohlfahrtskommitees dieser Stadt. Er hat die richtige Frau geheiratet, sein Sohn arbeitet als Professor in Stanford. Nur in einem wich Mistler vom Weg seiner Herkunft ab: In seiner Jugend pflegte er literarische Neigungen, schrieb auch einen Roman. Deswegen ging er nicht an die Wall Street, sondern gründete eine Werbeagentur. Er war ein tüchtiger Geschäftsmann, seine Firma gehört zu den Großen der Branche, Mistler ist eine Legende, ein "König der Madison Avenue".

          Man wird ihn als einen Geld- und Machtmenschen bezeichnen können. Er ist es nicht aus niederen Beweggründen, sondern weil seine Klasse keine andere Lebensweise vorsieht. Seinen Kompagnon hatte er eines Tages aus der Firma verdrängt, weil der ihn mit seiner Frau betrog. Er nahm Rache, nicht wutschnaubend, er machte seinen Einfluß geltend und bewirkte eine Verschiebung in der gesellschaftlichen Tektonik - zu Ungunsten seines Freundes Peter Berry. Der erhielt am Ende seine Firmenanteile zum Buchwert zurück, nicht zum Marktwert. So strafte Mistler.

          Nie verzichtete er auf die verbotenen Früchte am Wegesrand, an die nur mit einem Seitensprung zu gelangen war. Macht, Geld, Sex begründeten seine Lebenseinheit. Als er sich in Venedig einmal kräftiger fühlt, heißt es: "Mehr denn je ist ihm klar, daß Ficken die Schubkraft ist, die die Welt bewegt." Die Sicherheit dieses Mannes ruhte auf der schlafwandlerischen Beherrschung der ungeschriebenen Gesetze New Yorks, der geschäftlichen Usancen, der gesellschaftlichen Regeln, auch des Geschmacks. Und des Wissens, wann sie übertreten werden können.

          Gewißheit aber, ähnlich wie Macht, ist ein körperliches Phänomen. Sie droht sich mit dem Organismus zu verflüchtigen, der die Erscheinung herbeigeführt hat und repräsentiert. Die Krankheit zum Tode ist also für Mistler mehr als eine persönliche Tragödie. Mit dem Krebs droht eine Welt unterzugehen. Selbstzweifel werden freigesetzt, verdrängter Argwohn, immer einsam gewesen zu sein, der distanzierte Blick schärft sich, der alle gesellschaftlich integrierten und doch abständigen Helden Begleys auszeichnet. Und noch etwas setzt der körperliche Verfall frei: Aufrichtigkeit. Die rückhaltlose Wahrheit hätte in diesem Leben nie eine Rolle spielen müssen. Jetzt macht sie sich quälend geltend: zuerst, wie den anderen seine Schwäche zu erklären sei. Mistler läuft zu großer Form auf. Er verkauft seine Firma an eine größere Werbeagentur, bevor die Nachricht seines Ausscheidens ihren Wert mindern kann. Alle bleiben gut versorgt. Eigentlich undenkbar, daß dieser Mann stirbt.

          "Mistlers Abschied" ist Louis Begleys bester Roman. Es ist ein geschliffenes, ein weltläufiges und kundiges Bild eines Charakters, der seine Welt regiert, nicht an ihr leidet. Aus teilnehmender Distanz ist dieses Porträt gezeichnet, in einem Augenblick, da der Held verwundert erkennen muß, daß alles zeitverfallen ist. Niemand wird verurteilt, aber auch nicht mit Wohlwollen verwöhnt. Begley, der heute fünfundsechzig Jahre alt wird, verknüpft das Wissen eines "Handorakels" der heutigen USA mit der zergliedernden Psychologie der europäischen Erzähltradition.

          Mit seinen letzten drei Romanen, könnte man sagen, entwarf er eine "Poetik der Alterung". Seine Helden sind starke Persönlichkeiten, treten aber erst in seinen Blick, wenn ihre einzige Schwäche offenkundig wird, wenn ihre Körper verfallen. Das Erzählen hebt an, sobald das Geld langweilt, die Ausübung der Macht schal geworden ist, der Sex einen unguten Nachgeschmack hinterläßt.

          Und Thomas Mistler, der Gewiefte? Er hat alle seine Angelegenheiten geregelt, als er Abschied nimmt. Bis auf eine. Weder Frau, noch Sohn noch Freunden verriet er etwas von seiner Krankheit. Die Wahrheit auszusprechen bleibt sein Tabu; von ihm vermag er sich nicht zu befreien. Über das Buch, das er als Student geschrieben hatte, sagt der Erzähler, ihm "fehlte es an Ehrgeiz und Energie". Später gesteht Mistler, er habe nichts zu erzählen gehabt. Die mittlere oder halbe Wahrheit des gelebten Lebens genügte ihm. Aus seinen kleinen Unaufrichtigkeiten und Geheimnissen ließ sich kein Roman drechseln. Im Bucintore Ruderclub vor der Dogana kauft er sich schließlich ein kleines Boot für die Fahrt hinaus auf das offene Meer. Begleys Helden sind habituelle Stoiker; noch über ihren eigenen Tod wollen sie allein verfügen. Am Ende also eine kleine illusionserhaltende Lüge, im Kahn wird der Abschied zum mythischen Symbol. THOMAS E. SCHMIDT

          Louis Begley: "Mistlers Abschied". Roman. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Christa Krüger. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1998. 284 S., geb. 39,80 DM.

          Weitere Themen

          „Herbstsonate“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Herbstsonate“

          „Herbstsonate“, 1978. Regie: Ingmar Bergman. Darsteller: Ingrid Bergman, Liv Ullmann, Lena Nyman.

          Topmeldungen

          EU-Gipfel in Brüssel : Im absoluten Krisenmodus

          Die Stimmung auf dem EU-Gipfel in Brüssel ist gereizt. Die EU will Theresa May nicht geben, was sie will, die Stimmen aus ihrer Heimat sind vernichtend. Und dann löchert Angela Merkel die Premierministerin noch mit Fragen.

          Neue Gesetze : Was sich 2019 alles ändert

          Eine Reihe von Neuregelungen können zum 1. Januar 2019 kommen – in der letzten Sitzung des Jahres gab der Bundesrat dafür grünes Licht. Eine Verfassungsänderung bremst die Länder aber erst einmal aus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.