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Rezension: Belletristik : E-Gefühle

  • Aktualisiert am

"Pillen, Pillen, Pillen, Pillen, Pillen, Pillen": Obwohl sie Stacy Brain heißt, wirft sie hirnlos alles ein - Es, Spangles, Ellis Dee. Wie schon ihre Eltern und die Eltern ihrer Eltern. Sie kann nichts, hat nichts, bloß den Bole, ihren Freund, der auch nichts kann und auch nichts hat, nur die gleiche Sucht nach Pillen.

          "Pillen, Pillen, Pillen, Pillen, Pillen, Pillen": Obwohl sie Stacy Brain heißt, wirft sie hirnlos alles ein - Es, Spangles, Ellis Dee. Wie schon ihre Eltern und die Eltern ihrer Eltern. Sie kann nichts, hat nichts, bloß den Bole, ihren Freund, der auch nichts kann und auch nichts hat, nur die gleiche Sucht nach Pillen. "Bei der Geburt durchs Sieb gestrichen", sagen die Leute in "Boxy und Star" über solche Kinder der chemical generation - die Kinder von morgen.

          Für sie hat der Expillenschlucker und Creative-Writing-Student Daren King in seinem 1999 im Original erschienenen Debütroman "Boxy an Star" eine Sprache von den Ursprüngen, einen Slang aus Babytalk und Cockney, geschaffen. Das hört sich dann so an: "It is like this. When we was born we got nothin. No money. No pills. And not even no brain. When we was in the queue what was given em out. We werent even in it. We was round the corner mucking about . . . " Der Übersetzer Thomas Mohr, dem an dieser Stelle ein Kranz geflochten sei, hat Ohr und Schreibe für diesen Sound: "Das ist doch so. Wie wir auf die Welt gekommen sind, hatten wir nix. Kein Geld. Keine Pillen. Und noch nicht mal n Hirn. Wie die Hirne verteilt worden sind sind wir noch nicht mal in der Schlange gestanden. Sondern an der nächsten Ecke und haben Scheiß gebaut . . . "

          Eigentlich hatte der 1972 geborene Autor, finanziell permanent am Ende, nur das große Geld machen, mitreiten wollen auf der Welle der Drogenliteratur. Das sei in die Hose gegangen, erzählt er ebenso freimütig wie einfältig: Reich sei er mit seinem Buch nicht geworden. Aber er hat es in die Feuilletons und in die engere Wahl des Guardian First Book Award und des Booker Prize geschafft. Was sich wie ein Remake von "A Clockwork Orange" hatte ausnehmen sollen, geriet King unversehens zur bittersüßen Liebesgeschichte der beiden Sandkastenrocker Bole und Star (wie Stacy genannt wird), einer Liebesgeschichte im zugedröhnten Knuddelbären-Ton. Daß in der Dröhnung bekanntlich die Durchsicht auf die Wahrheit lauert, das merkt auch Bole. Anders als Boxy, sein Dealer, weiß er, "wie die Sachen sind". Boxy dagegen weiß bloß, "was Sache ist".

          Wenn man weiß, wie die Sachen sind, muß Orangensaft Saftorange heißen, blauer Nagellack Nagelblaulack und Strümpfe natürlich Stinkies. Die Bettdecke mutiert zum superriesengroßen Pillenbeutel und die Schönheit der Nacht zum E-(wie Ecstasy-)Gefühl. Denn "wenn was schön ist sehen wir normal nicht daß es schön ist". Erst von Spangles und Es und Ellis Dee bekommen die Menschen richtige Augen. Kinderaugen. Durch solche Augen gesehen, sind Polizisten bloß blöde "Ananasköpfe", und die ganze Welt hebt an zu singen - als Märchen voller "Mephistozauberer" (Mann mit Pfeife) und fliegender Fische (Pariser mit Angelschnur), voll schwieriger Aufgaben (Pillen dealen) und glücklicher Höhepunkte (Pillen schlucken). Bole und Star taumeln wie selig-tumbe Toren durch ihr chemisches Wunderland: ohne Geld, ohne Hirn, aber mit Pillen, stimmt - fast - alles für die beiden.

          Die Verzweiflungen der Kinder vom Bahnhof Zoo, die Grausamkeiten der Jugendlichen von "A Clockwork Orange" kennen sie nicht. Die einzige Sorge ist, daß sie immer "Schlecki" will ("I feel licky") und er nie. Überhaupt: Mehr tun sie nicht, und mehr wollen sie nicht, die zwei frühreifen Kids, die dauernd beduselt sein, mit seinem "Streßaffen" spielen und mit ihrer "Mini Muh" - wenn sie sich auch manchmal gute Vorsätze irgendwohin schreiben wie: "Mornks auf stehn. Nich ahmds." Oder: "Manch mal & was zu esen kaufen. Gelt von BOXY hohlen keine pillen; aber trzdem auch pillen." - Eines Tages aber rückt Boxy keine Pillen mehr heraus, und die glückliche Auszeit neigt sich dem Ende zu. Nach einem kleinen bis mittleren Horrortrip werden Romeo und Julia von der Fürsorge und einer bösen Mutter getrennt.

          Mit Science-fiction hat Daren Kings Roman ebenso wenig zu tun wie mit einem Doku-Drama über Designerdrogen. Der Kick von "Boxy und Star" lauert nicht im Stoff. Aber es gibt ihn: im Kindercockney des Erzählers, in den süßen sprachlichen Überraschungseiern, im Doktorspiel dieser großen Liebe unter, beinahe, kleinen Kindern. Daren King ist kein neuer William Burroughs; aber manchmal kommt es auf bei der Lektüre seines Debüts - das E-Gefühl.      

            ALEXANDRA KEDVES

          Daren King: "Boxy und Star". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Thomas Mohr. Verlag Rogner & Bernhard, Hamburg 2001. 335 S., geb., 17,90 .

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