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Rezension: Belletristik : Durch die Wüste

  • Aktualisiert am

Gedichte als Gedächtnisorte: Hans-Ulrich Kloses Lyrik

          Von ganz besonderer Art ist der schreibende Politiker: nicht der Namensverleiher für Sammlungen jener Reden, die andere für ihn geschrieben haben, sondern der ganz und gar seltene Typus des praktizierenden Politikers, der sich insgeheim literarisch versucht, um den Quark seines öffentlichen Redens aus dem Kopf zu kriegen. Weder die CDU noch gar die CSU und schon gar nicht die FDP hat solche ästhetisierenden Köpfe - und die PDS hat ihr schreibendes Personal etwas außerhalb der Partei, nur auf der Basis von Parteilichkeit rekrutiert.

          Dagegen hat die an der Basis literarisch eher banausische SPD unter ihren Spitzenkräften immer wieder mal echte Selbstschreiber hervorgebracht - Willy Brandt und Erhard Eppler zum Beispiel. Und einige wenige noch, die sich ins literarische Feld wagten. So hat einst Carlo Schmid als Bundestagsvizepräsident während der Parlamentssitzungen Baudelaire, Malraux und, besonders reizvoll an diesem Ort, Machiavelli vorzüglich ins Deutsche übertragen. Als sein gegenwärtiger Nachfolger auf ebendiesem Parlamentssessel hat nun auch Hans-Ulrich Klose Literarisches publiziert, und zwar eigenes: sein gesammeltes lyrisches Werk: "Charade", 45 Gedichte aus vierzig Jahren.

          Gottfried Benn verdanken wir das Diktum, nach dem auch der bedeutendste Lyriker allenfalls sechs makellose Gedichte in seinem Leben verfasse. Manch einer wird freilich auch mit dem Siebeneinhalbfachen kein Lyriker. Aber das will Klose wohl auch gar nicht sein, weshalb er sein poetisches Lebenswerk nicht Hanser, Fischer oder Suhrkamp anvertraute, sondern dem sonst eher wissenschaftlicher und Dissertationsliteratur ergebenen Verlag Bouvier in Bonn.

          Es könnte sein, daß Klose im vorigen Jahr auf die Idee solcher Veröffentlichung kam; denn in diesem Jahr entstand sein Freimut Duve gewidmetes "Kleines melancholisches Gartengedicht", das so beginnt:

          Halt ein, halt auf: es kommt die Zeit

          der abgelegten Worte,

          des Herbstes und der Einsamkeit,

          es sind Gedächtnisorte.

          Klose hat sich in diesem Gedicht, ein Jahr vor seinem sechzigsten Geburtstag, der melancholischen Vision des perennierenden Oppositionspolitikers hingegeben:

          Jetzt nur noch Garten, blütenlos

          wo wir im Schatten sitzen

          und unsere Träume, nicht mehr groß,

          in Marmorbänke ritzen.

          Gedichte als Gedächtnisorte, so ließen sich Kloses minima aesthetica umschreiben: Schon der Zwanzigjährige dichtete:

          Kleines Licht

          kriecht über die Wand,

          trifft ein Gesicht

          und reglose Hand.

          Hält still.

          Doch dann kam Bewegung auf. Und inmitten bewegter Zeit dachte Klose 1968 nach über sein weiteres Leben: In "Karriere 1" forderte der sich, auch bennsch, Engagierende:

          Lüfte den Hut,

          wenn du den Kopf hinhältst.

          Du weißt, für wen.

          Doch schon in "Karriere 2" aus demselben Jahr variierte er erfahrungssatt das barocke Fortuna-Motiv von Aufstieg und Fall:

          Der sich geborgen wähnte

          in Haus und Hof und schwieg,

          der sein Begehren zähmte,

          doch auf und höher stieg,

          entzündete den Funken,

          das Feuer angefacht

          fällt fällt, schlaftrunken, trunken,

          vornüber in die Nacht.

          Die produktivste lyrische Zeit waren für Klose die sechziger und die neunziger Jahre. In der Zeit politischer Machtteilhabe, den siebziger Jahren, entstanden nur zwei Gedichte: im Jahre 1978 "November" mit der folgenden, perfekt gereimten Strophe:

          Ich fühle es, da ist ein Leuchten,

          doch hat es Wärme nicht gebracht.

          Ich gehe lautlos durch den feuchten

          Novembernebel in die Nacht.

          Und mit der vorausschauenden Beschreibung des gefährdeten Zukunftswegs:

          Da ist kein Glanz und keine Weite.

          Du siehst es ja: der Weg ist schmal

          und steil der Abgrund an der Seite,

          und wo es leuchtet, ist kein Tal.

          Das Tal kam dann in den achtziger Jahren, und Klose hat es einsam, im Gedenken freilich an einige Freunde, denen er die Gedichte gewidmet hat, durchwandert:

          Die Wüste durchqueren mit leichtem Gepäck.

          Den Schatten suchen am Fuß der Berge.

          Wasser aus Felsen schlagen.

          Trinken. Trinken.

          Diese fast mosaische "Notiz von unterwegs" ist Heinrich Albertz zugedacht.

          In den neunziger Jahren kam die Befreiung von der Last der tragenden Ämter. Nun hat Klose, als Parlamentsvizepräsident, jenen Gipfelort erklommen, den er schon 1958 so beschrieb:

          Er stieg

          auf einen Berg

          und blickte rings umher.

          Aber die Wüste war leer und still.

          Und Gott sah,

          daß er allein war.

          Doch Klose ist nun nicht mehr allein, wie zahlreiche in diesen neunziger Jahren entstandene Gedichte bezeugen: Liebesgedichte, gerichtet an, gedichtet mit "Anne".

          Mag sein, dieser Flug hört niemals auf.

          Mir recht: ich wollte dich kriegen,

          ich bin auf Risiko eingestiegen,

          von Aussteigen stand auf dem Ticket nichts drauf.

          Jetzt heißt es fliegen fliegen.

          Als Ergebnis gründlicher Lektüre dieser 45 Gedichte von Hans-Ulrich Klose läßt sich von einigen sagen, daß sie in erstaunlicher Kenntnis von Metrum, Reim und freiem Vers niedergeschrieben, und von allen, daß sie mit noch erstaunlicherem Mut veröffentlicht wurden.

          HEINZ-LUDWIG ARNOLD

          Hans-Ulrich Klose: "Charade". Gedichte. Bouvier Verlag, Bonn 1997. 66 S., geb., 19,80 DM.

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